Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 11 (1920)
- Issue
- 3 (8.1920)
- Date
- 1920-08-01
- Page
- Seite 70 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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70 einflossen in den Strom der anderen, da im Chaos einer Völkerwanderung große Teile von uns jetzt noch nach der Heimstätte suchen, an der sie rastend verweilen können, daß wir die Werte, die das Abendland besaß, aufgesogen haben, den Verdurstenden gleich. Das begriff ich, daß, wie in den Stürmen der Völkerwanderung, die Dinge sich wiederholen — Assimilation, Verweichlichung, das alles und anderes mehr —, bis, wie damals, die Sattgewordenen beginnen, ab^ulassen von ihren krankhaften Begierden, bis sie die Lüste ertöten, den Trieb nach dem Aeußerlichen, und so, nicht mehr eben erst gewordene Emporkömmlinge, sondern nun innerliche, seelisch reiche Menschen, jenem Augenblicke entgegenrvachsen, da sie ihr Bild, ihr Symbol, ihre Form, ihre Kultur gestalten. Ketten sind gefallen und gebrochen, .keine äußeren Bande, innerer Zwang ging vorbei. Alles äußere Geschehnis verblaßt hier und wird nichtig. Menschen sind in seelischer Bewegung, und fordern die innere Welt, die ihnen gehört, da ihre Seele sie gestalten wird. Gemeinschaften erstehen und vergehen, wirr sind die Wege Suchender, Wunsch lebt in ihnen, Sehnsucht schlägt hoch, Glaube an ihre Berufung. Was soll da die Politik und die künstliche Erregung der Rechtsanwälte in allen Lagern? Um Geist handelt es sich. Untergang des Abendlandes und wir. Da die Antike verging, erstand ans dem Schoße des Judentums das neue Leben dem Abendland«. Ist cs unsere Berufung, daß ans uns wiederum neues Leben anfflamme, lodernde Fackel werde, brausender Strom, der das leergewordene Bett füllt und rauschend, singend den Rhythmus seiner Wogen führt? Tragen wir die Pflicht, im Reigentänze des neuerstehenden Geistes Chorführer zu sein? Weim dem so ist, wir wollen uns der Väter würdig erweisen und diese Pflicht und Berufung, Wescnsnotwendigkeiten unseres Seins, mit stolzer, starker Seele tragen. München, 16. Juni 1A20. Kurt N e u.