Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 10 (1919)
- Issue
- 6/8 (Oktober/Dezember 1919)
- Date
- 1919-10-01
- Page
- Seite 212 (sequence 54)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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212 (Hört! Hört!) Meine Tomen und Herren! Dieser Brief bezeugt die Konzession eines der obersten Vertreter des Mehrheitssozialismus in Deutschland an das Alldeutschtum! (Sehr richtig! Zuruf: Scheidemanns Rede genau das gleiche!) Dieser Brief ist die klare Formulierung der Stellung der deutschen Regierung zum Problem des Antisemitismus. Er enthält ein Programm, nämtich, daß es für die Juden in Deutschland von Seiten der Regierung keine Konzession gibt, auch nicht, wenn sie sie billigerweise verlangen dürften, sondern der Versuch gewagt wird, die Gesamtheit der Juden zu verdächtigen und von General Wrisberg unberechtigterweise beschimpfeir zu lassen, wenn es ihm gefällt. Herrn Roske steht der Friede höher als das Recht! Ich übergehe daher andere Tatsachen, die jie aus den „Mitteilungen des Centralvereins" ersehen können. Ich fasse zusammen: Keine Partei, keine Organisation, keine soziale Schicht, kein Gerichts- Hof, keine Regierung ist sachlich und gerecht genug, uns gegen erlogene Verdächtigungen und gehässige Angriffe zu schützen. (Sehr richtig!) Selbst die Arbeit des Centralvereins, der sich peinlichst bemühte, unser Ansehen zu sichern und unser Recht zu ertrotzen, war von Erfolg begreiflicherweise nicht immer gekrönt. Seine Verhandlungen und Korrespondenzen konnten uns nicht das Gefühl eingeben, daß er allein die Arbeit der Abwehr zu leisten im Stande ist, wenn ihm nicht die Gesanrtheit der Juden an die Seite tritt. Wo ist ein Weg offen, der uns zur Anerkennung und inneren Befriedigung führt? Wir können diese Frage äußerlich wenden, wie wir wollen, wir bleiben ohne Erfolg. Die einzige Antwort ,die wir geben, können — das bitte ich herzlichst zu bedenken! — ist die: Wir Juden sind heute mehr' denn je auf uns angewiesen. (Sehr richtig!) Alle Aufgaben, die wir zu lösen haben, alle Ziele, denen wir zustreben, werden allein durch uns gelöst und durch keinen andern. (Sehr richtig!) Darin liegt das Programin unserer Arbeit. Fe abgeschmackter und verletzender der Nanre Jude in den Ohren der Andern gellt, um so mehr muß er uns mit Stolz, Selbstbewußtsein und Hingebung erfüllen (Lebhafter Beifall!), damit Nur uns innerlich wieder in die .Hand bekommen und allen Anfeindungen gegenüber voll edlen Trotzes und aufrechter Kraft uns halten. Wir wollen auf die Generationen zurückblicken, durch die wir zu dem geworden sind, was wir heute sein dürfen und von uns nüssen, daß wir als Endglied einer Jahrtausende alten Kette Ewigkeitswerte hinanszutragen berufen sind in die zukünftige Zeit. Wer dessen sich nicht erinnert, muß im heutigen Kampfe Schaden leiden au seiner Seele, gegen den es kein .Heilmittel gibt. Ter aber, den: in seinem jüdischen Ich verankert ist, und cs wie ein heiliges Besitztum trägt, wird durch Ehrlichkeit, Sittlichkeit und vorbildliches Tun das kranke Gehirn der Andern mit gesunderen Vorstellungen über jüdisches Wesen ausfüllen. Tie Selbsthilfe, die wir uns leihen, besteht im edlen jüdischen Bewußtsein und der sittlichen Verantwortung, die sich uns in allen Lagen des inneren und äußeren Erlebens notwendig aufzwingen sollen.