Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 10 (1919)
- Issue
- 6/8 (Oktober/Dezember 1919)
- Date
- 1919-10-01
- Page
- Seite 209 (sequence 51)
- Language
- German
- Belongs to
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209 Volke der Antisemitismus bis zur Verwegenheit töricht und bis zum Blutdurst anstachelnd dargereicht wird, haben heute ein Ziel exreicht, dem wir sprachlos und im Innersten getroffen gegenüberstehen. Der Name Jude, auf den wir stolz sind, hat wieder den mittelalterlichen Klang des „hep, hep!" Diese Verachtung ist auf unsere ganze Gemeinschaft gerichtet. Nur Wenigen unter uns ist es möglich geblieben, durch Ansehen, Einfluß und lang erkannte Biederkeit des Charakters die soziale Stellung zu wahren. Die Vielen unter vns, die eine be-' sondere Stellung nicht zu erlangen im Stande »varen, entbehren als Huden im öffentlichen Amt, im geschäftlichen Umgang, vor allen Dingen in ihrer gesellschaftlichen Stellung der menschlichen Autorität. Selbst die Instanzen des Rechts und der Gerechtigkeit, ^die sie ini Falle der Schmähung und Insultation anzurufen sich verpflichtet sehen, versagen ihnen oftmals die objektive und bürgerliche Anerkennung, auf der wir gerade heute in der Zeit der Freiheit doppelt sicher fußen müßten und die das alte Regime besser und zuverlässiger eingeräumt hat. Es ist Ihnen Allen bekannt, daß die aus rein antisemitischen Tendenzen hervorgeblühten zahlreichen Organisationen Deutschlands über eine ungeheure Mitgliedschaft aller Kreise verfügen, gewaltige Kapitalien gegen uns zn Felde führen in der Absicht, nicht nur Pogrom stimmung zn erzeugen, sondern Pogrome zu schaffen. Das Meer dcx Flugblätter, das Stadt und Land gleichweis überflutet, ist derart verhetzend, betörend und trotz der echten mittelalterlichen Begründungen auf die Psyche des Volks wirksam, daß wir glauben, ausdrücklich betonen zu müssen, wir stehen als Juden vor Gefahren, wie sie schändlicher und genreiner der Krieg mit all seinen Leiden und Schrecknissen nicht gezeisigt hat. (Lebhaftes: Sehr richtig!) Und es ist kaum faßlich, wie heute noch ein Mensch glaube»: kann, die Juden seien die Entjungferer der Mädchen, die Mörder der hundert in Berlin vermißten Kinder zur Zeit des Osterfestes, um deren Blut zu Ritualzwecken zu verwenden, aber »vir müssen jedes vernünftige Denken zurückstellen und der drohenden Gefahr klar ins Auge schauen. Das Ziel, das der jetzige Antisemitismus erfolgt, nämlich die Allsschließung der Juden aus SMatskörpcr «nd Burgervocht, erscheint jenen Kreisen so heilig, daß sie kein Mittel zur Erreichung ihrer Zwecke zu schniachwürdig und unmenschlich finden. Gestatten Sie mir, stolz und selbstbewußt hervvrzuheben. daß unser Gelvissen angesichts der empörenden Vorwürfe lauter und rein ist und wir als Religionsgemeinschaft wie auch als Bürger alle vaterländischen Pflichten treu und beseelt zu erfüllen uns bemüht haben. Mit flatternden Fahnen sind wir bei Beginn des Weltkrieges freiwillig wie die andern ins Feld gezogen. Sie wissen, daß gerade auch die Zionisten — zu ihrem Lobe sei es gesagt — ihr unmittelbares Vaterlandsgefühl nach dieser Richtting hin vorbildlich bekundet haben. Die Wohltättgkettsarbeit der Juden Deutschlands und Oesterreichs in Genreinden und Verbänden, Logen und Vereinen war mustergülttg. Mit ganzem Wollen imd Können gebärdete sich das deutsche Judentum heimatliebend und patriotisch wie ein mit dem deutschen