Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 10 (1919)
- Issue
- 6/8 (Oktober/Dezember 1919)
- Date
- 1919-10-01
- Page
- Seite 174 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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174 gefehlt? Religion ist nicht ein System von Wahrheiten, religiös ist nicht der, der nur das jüdische Schrifttum sich einigermaßen zu eigen gemacht hat, der mit kühlwägendem Verstände in jüdische Wissenschaft und Religionsphilosophie sich vertiefte; religiös ist auch nicht der, dessen Lippen religiöse Gebete sprechen, von denen sein Herz nichts weiß. Religion ist vielmehr ein großes, inniges Erleben, ist, wenn ich Worte Abraham Geigers gebrauchen darf: „Der Schwung des Geistes zum'Allgeiste, der Jubel der Seele, die sich ihrer Höhe bewußt, und zugleich wieder das demütige Bekenntnis der Endlichkeit und Begrenztheit". — Religiös sein heißt, in jedem Augenblick unseres Lebens das Bewußtsein in uns tragen, daß das Edelste in uns. unser eigentliches Menjchsein, ein Teil des Göttlichen ist, das in uns ruht, Aeußerung unserer Seele, — heißt: erschauern und ein unnennbares Glücksgefühl empfinden beim Erleben großer künstlerischer Offenbarungen und aller Aenßerungen von Genialität als der höchsten, unseren Sinnen wahrnehmbaren Form, in der das Göttliche in der Welt des Sinnlichen in Erscheinung tritt. Jüdisch-religiös sein bedeutet, jederzeit von dem Bewußtsein erfüllt sein, daß wir Nachkommen und Erben jenes J'isroöl, jenes Gotteskämpfers sind, der im schweren Ringen mit sich selbst und der Welt sich eine Weltanschauung der steten Gottergebenheit, der höchsten Sittlichkeit, der Heiligung des Alltagslebens erkämpfte. Xeckuusebim thijhu! Jede Eurer Handlungen trage den Stempel religiöser Weihe, Euer ganzes Leben sei ein einziges großes, frohes, religiöses Erleben. Dies ist die kurze Formel des Inhalts jüdischer Religiosität. Wie aber verhelfen wir unserer Jugend zu vertieftem religiöseni Erleben, welches sind die Pfade zur jüdischen Religion als beglückendem Erlebnis? Dies, meine Freunde, war auch die Frage, die vor wenigen Wochen einen kleinen, aber nachdenklichen Kreis von jüdischen Männern und Frauen unterschiedlicher parteireligiöser Richtung, beruflicher Stellung und Vorbildung in unserem Frankfurt zusammenführte. Soweit wir der national-jlldisch-zionistischen Ideologie fernstanden, trieb uns noch der besondere Wunsch zusammen, einander zu helfen, unserem religiösen Fühlen die gleiche Beschwingtheit, den gleichen Schwung der Begeisterung zu verleihen, die der Nationaljude seiner nationalen Idee vom Judentum dankt. Es waren Stunden starker, innerer Lösung und Befriedigung, die dem Einzelnen aus diesem rückhaltlosen Gedankenaustausch erwuchsen. Sie erbrachten zunächst einmal die auch für unseren großen Kreis wichtige Gewißheit, daß der religiöse Drang gleich heiß sein kann bei Menschen, deren religiöse Betätigung sich vorläufig noch in recht verschiedenen Lebensformen kund gibt, und sie brächten weiter den Beweis, daß bei reiferen Menschen mit dem Willen, den guten Glauben des religiös anders sich Auslebenden anzuerkennen, nicht nur ein Zusammenarbeiten auf weiten Strecken des Religiösen, sondern auch wechselseitige Anregung und Bereicherung möglich ist. Was das gedankliche Erlebnis dieser Zusammenkünfte angeht, so wird es wohl in Bälde einem weiteren Kreis dafür Interessierter durch eine Veröffentlichung'meines darum besonders verdienten, hochverehrten Freundes Dr. Jsak Heine-