Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 10 (1919)
- Issue
- 6/8 (Oktober/Dezember 1919)
- Date
- 1919-10-01
- Page
- Seite 173 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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173 in dem Begriffe „Expressionismus" gefunden hat. Man wagt es Nicht nur zu sagen, man ruft es sich in den begeistertsten dichterischen Worten wie in einem Rausch des Glückes zu, daß es neben all dem Greifbaren und Zerlegbaren, dem Substanziellen im menschlichen Körper und in der Welt der Materie ein unkörperliches, ungreifbares und doch unbestreitbar Vorhandenes gibt, die S e e l e, die Vermittlerin der stärksten und schöpferischsten Empfindungen, die Wegweiserin nach Welten und Wesen, die unseren Sinnen stets fern, un- . serem Ahnen und Sehnen stets nah sein werden. Zugleich mit dem Expressionismus, zum Teil auch gerade durch ihn, flutete mit einem Male eine getvaltige Woge religiösen Lebens und Drängens über did Menschheit hin. Und gegen unser Haus sollte diese Welle vergebens anbranden? Die Jugend der jüdischen Gemeinschaft, die seit den ältesten geschichtlichen Zeiten Trägerin und Vermittlerin der religiösen Idee ist, sollte nicht jauchzend in die erfrischende religiöse Aut tauchen? Aber ein Zweites macht heute für jeden Juden, der das Wort vom jüdischen Bewußtsein nicht gedankenlos hinsagt, die Stellungnahme zum religiösen Problem zu einem unabweisbaren Zwang. Es gilt heute die große Entscheidung, ob das Wesentliche am Judentum im Nationalen, d. h. vorwiegend in eigenartigen, natürlichen, ererbten Anlagen oder aber im Religiösen, d. Jj. in einer besonderen Weltbetrachtung, liege. — Es kommt uns nicht zu, auf die Entscheidung des Einzelnen in diesem keineswegs leichten Dilemma der Empfindungen und Auffassungen einwirken zu wollen. Aber wir müssen ^im Namen der Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit von jedem jungen Juden und jeder Jüdin, denen es ernst ist mit chrem Bekenntnis zum Judentum, Stellungnahme und Entschluß dieser Frage gegenüber fordern. Wer aber in der jüdischen Religion das ihn mit der Gesamtheit der Juden Verbindende erblickt und bezeichnet, von dem muß, wiedermH unter Berufung auf seine unbedingte Ehrlichkeit, verlangtwerden,' daß sein jüdischer „Glaube" nicht dem Unglaubens oder irgend einem verwässerten philosophischen Systeme zum Verwechseln ähnlich sei. Doch auch der jüdische Nationalismus wird sich nach meiner Ueberzeugung in Zukunft weit mehr als bisher mit der religiösen Idee zum mindesten als beherrschendem Kulturfaktor innerhalb der Judenheit abzufinden haben. Wir Juden sind nun einmal im Zeichen der Religion in die Geschichte der Menschheit eingetreten und als die Hüter und Verkünder der im Religiösen verwurzelten großen Menschheitsideen von geläutertem Monotheismus, Gerechtigkeit, Völkerbund und Gottesfrieden durch die Jahrhunderte hindurchgeschritten^ und die -Masse der Juden empfindet es heute neben andern Eigenwerten als ihren höchsten Wert, ihre beglückendste Aufgabe, daß sie a u s - erwählt ist, die Gesamtmenschheit immer wieder auf das m e ssianische Lebensideal hinzuweisen. Wo aber liegt das Wesen des Religiösen, zu dem wir selbst uns durchringen wollen, und inwiefern haben, wie wir vorhin meinten, die meisten Juden aller Richtungen das Wesentliche der Religion und zumal unserer jüdischen Religion verkannt und oft dagegen