Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 10 (1919)
- Issue
- 6/8 (Oktober/Dezember 1919)
- Date
- 1919-10-01
- Page
- Seite 172 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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172 wenig' tröstlich mag Verbände innerhalb serec „Neutralität Gesamtheit zukommen. Es liegt ein Stück Tragikomik in der Tatsache, daß der umfassendste Bund der jüdischen Jugend trotz der Erkenntnis von der Dringlichkeit dieser erhabenen Aufgabe ihr seither nur mit homöopathischen Mittelchen näher trat. Im ängstlichen Ausweichen liegt ein tiefes Verschulden, das nur ivenig durch den Umstand gemildert wird, daß die Furcht vor Reibungen der einzelnen parteireligiösen- Richtungen zur Unterlassungssünde führte. Ein % für uns sein, daß auch die parteireligiösen der deutschen Judenheit, die uns so gern ob ungegenüber der religiösen Lebensführung des Einzelnen belächelten oder gar höhnten, — daß auch sie bislang bei allem Eintreten.für die Religion das Entscheidende, den wesentlichen Kern des R e l i g i ö s e n , >vie i ch ihn erblicke, übersahen oder doch ungenügenbetonten, Aber, meine Freunde, ich fühle, wie ein Schwall von Gedanken und Fragen aus Ihren Reihen auf mich einöringt. Wer oft zu größeren Menschenmassen spricht, und wer gar, wie der Arzt, täglich und stündlich sich mit dem Seelischen im Menschen befassen muß, in dem bildet sich allmählich ein Wahrnehmungsorgan auch für das unausgesprochene Denken und Fühlen seiner Hörer aus; und so merke ich, wie in vielen von Ihnen die Frage gegen das Gehege der Zähne drängt, ob de:w wirklich eine grundsätzliche Erörterung des Religiösen, die sich nicht auf leere Phrasen' beschränkt, im Kreise eines neutralen Verbandes möglich und ob sie nötig sei. Die Möglichkeit, nicht nur der Erörterung des wahren Wesens der Religion und der jüdischen zumal, sondern auch des Anftveisens von Wegen, die zu' ihren: lebendigen Quell - hinführen sollen, hoffe ich alsbald erweisen zu können. Wer aber darf heute noch an der Notwendigkeiit iür die jüdische Jugend, für die jüdische Gemeinschaft überhaupt zweifeln, sich mit der die Menschheit wieder einmal in ihren: Innersten bewegenden r-eligiösen Idee abzufinden. Die rationalistische W e l t b e t r a ch t u n g, die Auffassung, daß es für die Vernunft, für die Erfahrung des Menschen auf die Dauer keine unüberwindlichen Grenzen gäbe, daß alles in der Welt nack ehernen Gesetzen ablaufe, die der inenschliche Geist kühl wägend zu überschauen und zu seinen: Nutzen zu gebrauchen, vermöge, hat schon vor dem Kriege schwere Erschütterungen erdulden müssen. Der Krieg vollends hat der Auffassung, daß Macht und. Kraft alle Schranken überwänden, daß im „Kampf ums Dasein" — um dieses Schlagwort der rationalistischen Aera zu gebrauchen — nur das materiell Stärkste sich zu erhalten vermöge, den Todesstoß versetzt. Die Philosophie hat die mit den: Rationalismus eng verkniipften Anschauungen des genialen Naturforschers Darwin und seines Epigonen Haeckel, soweit sie die Weltanschauung der Menschen beeinflussen wollten, längst bekämpft und widerlegt: die Naturwissenschaft mußte auf Grund neuester Forschungsergebnisse der Philosophie beipflichten, und so brach mit einer seiner stärksten Stützen der Rationalismus in unfern Tagen zusammen. An seine Stelle trat eine stürmische, geistig-seelische Bewegung, die ihren bezeichnendsten Ausdruck