Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 10 (1919)
- Issue
- 3/5 (Juli/September 1919)
- Date
- 1919-07-01
- Page
- Seite 60 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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60 lagert die Erinnerung an diesen Abend wie ein Schatten auf uns. Erst einen oder zwei Tage vorher hatte eine letzte Verständigung zwischen allen Faktoren stattgefunden, in der man übereingekommen war, unter Wahrung der prinzipiellen Gegensätze allseitig den Willen zur Verständigung bei der Tagung zu bekunden und in vorsichtiger Weise den Versuch der Bildung der Verständigungsgemeinschast zu machen. In den letzten Stunden vor der Versammlung überrannten anscheinend die zionistischen Maximalisten die vorbestimmten Sprecher, die sich dazu hergaben, entgegen aller Vereinbarung ihre Reden zur Parteiagitation zu degradieren, und die unsere wahrhafte Sehnsucht nach Verständigung und damit nach dem Wachsen des Solidaritätsgefühls der deutschen Juden mit einer Ohrfeige erwiderten. Man hat mir damals in manchen Verbandskreisen verübelt, daß ich am Schlüsse unserer Tagung den Verständigungsversuch als gescheitert erklärte. Gewiß wäre ein sogenannter taktischer Erfolg in Gestalt eines Kommissionsbegräbniftes zu erzielen gewesen. Es gibt aber Situationen, wo Taktik gleich Ehrlosigkeit gilt (Sehr richtig!) und wo es besser ist. die Lage einmal blitzartig beleuchten zu lassen. (Sehr richtig!) Es ist ja kein Geheimnis und es lväre unsinnig, es zu beschönigen, daß mein Antrag sehr erheblichen Bedenken begegnet ist. Eine Kategorie dieser Bedenken präzisiert sich in der Behauptung, der Antrag wäre auf den Einfluß des Zentralvereins zurüchusühren, auf die Tatsache, daß Fräulein vr. Berliner und ich im vergangenen Jahpe eine auf uns gefallene Wahl in den Vorstand des Zentralvereins angenommen haben. Es scheint doch nicht genügend bekannt zu sein, daß der Zentralverein sich unter der derzeitigen Führung ganz stark im Sinne positiver jüdischer Arbeit gewandelt Hat, und daß die leider noch viel zu zahlreichen Kreise des Zentralvereins, die denselben in erster Linie zu einem antizionistischen Sammelbecken machen wollen, wie der letzte Delegiertentag gezeigt, erheblich an Boden verloren haben. Wer will von einer solchen Organisation, die doch ein Spiegelbild der jüdischen Massen Deutschlands ist, verlangen, daß sie sich im Handumdrehen wandeln läßt! Von der Versöhnungspolitik gegenüber den Zionisten, die durch die Kongreß-Resolution des Zentralvereins eingeleitet ist, sprach ich bereits. Lesen Sie vor allen Dingen das Kongreß-Programm und das positive Programm, das die Führung des Zentralvereins letzthin vorgeschlagen und im Prinzip durchgesetzt hat. Tie Worte, die Eugen Fuchs gegenüber rein negativer Kritik des Programmentwurfs sprach, daß er die warme Hand der Jugend, die ein unzweideutiges Bekenntnis zu bewußten jüdischer Arbeit verlangt, der kalten Hand der Neinsager vorziehe, müßten es vielen Mitgliedern der Jugendbewegung leichter machen, nicht nur den Zionisten gegenüber neutral zu sein, sondern auch gegenüber dem Zentralverein. Ich verhehle nicht, daß auch ich über sehr ernsthafte Dinge mit dem Zentralverein zu rechten habe. Es ist aber eine mehr interne Angelegenheit, wenn ich ihm den bitteren Vorwurf machen muß, daß sich neun Zehntel der Gegner meines Anträges aus seinen Anhängern, und zwar oft aus Anhängern in führender Stellung, zusammensetzen.