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Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands · 1919-05-01 · 2 (5.1919) · p. Seite 199

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Journal
Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
Volume
10 (1919)
Issue
2 (5.1919)
Date
1919-05-01
Page
Seite 199 (sequence 175)
Language
German
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199 Das Judentum, so wie eS gewesen ist, so wie es ist und sein will, ist eine Lebenslehre, die das ganze Leben von der Wiege bis zum Grabe (sehr richtig!) umschlingt, durchsetzt, ist eine Lehre, die verlang!, daß sie als Matzstab jeden Dinges und Seins genommen wird. Das Judentum will in jeder Stunde, in jeder Minute bei uns fein. Es will auf alle Dinge uns eingestellt sehen. Es will der Maßstäb. alles Seins bedeuten. Weite Kreise sind der Meinung, datz Glmben unvereinbar sei mit Wissen. Diese falsche Ansicht konnte nu :■ entstehen, weil man meinte, daß das Judentum eben ein Glaube schlechthin sei. Dadurch nur konnte im naturwissenschaftlichen Unterri ht die Legende aufkommen, lÄauben und Wissen vereinigen sich nicht, So wird schon bei der Erziehung^des Kindes von früh an das Gemi t nach der religiösen Seite hin zerstört. Wir aber wollen es mverdrossen aussprechen, daß unsere Lebenslehre mit den letzter und besten Ergebnissen der Wissenschaften nicht nur nicht im Wide spruch steht, sondern daß beide sich ergänzende Koeffizienten sind, von denen der eine den anderen unbedingt notwendig hat. Das Judentum setzt sich zusammen aus Gemüt und Wissen. Auch die Seele selbst s itzt sich ja aus beidem zusammen. Viele Wesenserscheinungen des Charakters, viele Vorgänge auf dem Gebiete des rein Seelischen lassen sch nur aus Erkennen und Erfühlen erklären. Das reine Wissen, dal reine Forschen macht kalt. Thora und Thoraleben, d. h. religiöses Erkennen, heißt Vertiefung, Befruchtung und Verinnerlichung des Gemlltslebens. Wer nur forscht, kann von Natur aus Gemüt haben. Aber die Forschung um der Wahrheit willen allein wird nie tas Gemüt befruchten. Das Gemüt aber ist, ohne daß man es substar ziieren kann, doch beim Einzelleben in den vielen Lagen der rnenschlichen Wandlung das Ausschlaggebende. Darum muß Wert darauf gelegt werden, die Gemütsseite in der Seele des Menschen auszubilden. In diesem Sinne kann man sagen: Wissen macht kalt, religiöses Erleben erwärmt. I Man sagt, das Judentum habe so furchtbar viel Re igionsübungen, Zeremonien. Nicht die Fülle der Zeremonien st das Fehlerhafte: ^traurig ist. daß diese Religionsüdungen nicht verstanden werdest und Daß der Einzelne, der sie oft ausübt, nicht 'rkennt, welches der Zweck und die Wirkung dieser Uebungen oiif das Seelische sein soll. Er weiß nicht, was die Uebung von ihm will, der- . steht nicht, daß diese Uebungen wie ein roter Faden ununterbrochen einwirken wollen auf sein Gemüt, auf sein Seelenleben. Ei erfaßt nicht den Sinn und das ganze Sein, was das Gebäude dir, praktischen -Religionsübungen, die ihm als Wanderstab im Seelischen dienen sollen, mit ihm will. So wird die Zeremonie zur trockenen Pflicht, verdorrt und verknöchert; das ist ihre Gefahr. Die Zeremonie, will nur ein Mittel sein, die höchste Stufe ethischer Vollendung zu erreichen. Wir haben keine Dogmen, wir haben keinen Katechismus. Was uns in vielen modernen jüdischen Lehrbüchern erzäh t wird, sind unjüdische Produkte, gewachsen am Baum protestantischk r Theologie. In der Resolution zur Taufe, die ich E^nen heute eir gebracht habe, wird ausdrücklich darauf hingewiesen, daß die jüdische Religion

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