Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 10 (1919)
- Issue
- 2 (5.1919)
- Date
- 1919-05-01
- Page
- Seite 182 (sequence 158)
- Language
- German
- Belongs to
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182 .Herrscher-Recht höchster Sittlichkeit zu beeiden. Und gegen den so oft schon erhobenen Einwand von der unantastbaren Sittlichkeit, die in der persönlichen Freiheit und Eigengesetzlichkeit starker Naturen liege, eine Verwahrung, die kürzlich'erst wieder in der „Jüdischen Rundschau" im Streite um die gleichen Ideen erhoben wurde, schleudert Deutschlands Genius sein bekanntes: „Freiheit ein schönes Wort, wer's recht verstände!" Wie er, der große Schüler Kants, des größten Ethikers deutscher Zunge, den Begriff der wahrhaft' sittlichen Freiheit versteht, bekundet er im stolzen Wort: „Erst die Innerlichkeit hebt die Freiheit vom Negativen in's positive, hie Kraft von der Brutalität zur Moralität, von der Zügellosigkeit zür Selbständigkeit, zur Autonomie." Meine Freunde! Ich darf hier heute nur die aus der großen Linie liegenden Teilfragen erörtern, inuß mein übervolles Herz zu zügeln versuchen. Deshalb mutz ich niir's versagen, all' die schwerwiegenden Argumente der führenden Geister zu Ehren der Sittenstrenge, für die Keuschheit auch des Mannes bis zur Ehe, zum Schube weiblicher Züchtigkeit vor diesem lauschenden Kreise im Einzelnen zu nennen, Ich beschränke mich darauf, für die emsige Kleinarbeit in den Vereinen Björnsons Erziehungsroman „Es flaggen Stadt und Land" und sein kleines Schauspiel „Ein Handschuh", von Cohen den Abschnitt „Tapferkeit" in seiner „Ethik des reinen Willens", die hygienischen Standard-Werke, „Die sexuelle Frage" von Forel und „Hygiene des Geschlechtslebens" von Grubcr, die bekannten. vorzüglichen Tendenz-Bücher „Hellmuth Harringa" von Popert und „Wir jungen Männer" .von Wegener, schließlich das Kapitel „Sexual-Pädagogik" au§ Försters „Jugendlchre" wärmstens und eindringlichst zu empfehlen. Und beim Lesen des Föxsterschen Werke? mögt Ihr Euch wieder und wieder beschämen lassen, wenn Ihr seht, mit welch ruhiger Selbstverständlichkeit und Sicherheit hier die sittliche Forderung unter Berufung auf die Lehren des Christentums vräicntiert wird, während für die jüdische Mutter-Religion,, als die Urquelle 'gcschlechtssittlicher Normen, keins ihrer Kinder bis heute mit ähnlicher Kraft. Begeisterung und Sachkenntnis zur Feder griff. Der kurzen Bemerkung über dir Stellung der Gesundheitslehre gegenüber der These von der „Reinheit bis zur Ehe" in den Leitsätzen lassen Sie mich aber wenige klärende Morte znfügen. Meine Freunde, ich würde es nicht wagen, als Arzt so über dies Problem zu Ihnen zn sprechen, wenn ich dadurch mein Gewissen als Hygieniker beschwerte. Ich darf so reden, darf für die Gesetzlichkeit gleicher Geschlechtsmoral - von Mann und Weib eine Lanze brechen, da ich nicht als krasser Theoretiker vor Ihnen stehe, sondern aus eigenster, lange währender praktischer Erfahrung als Arzt und sittlich gerichteter Mensch schöpfen durste. Ick) kenne eine ganze Reihe gesunder Männer mit durchaus normal entwickeltem Tricbleben, die dem von mir erhobenen Postnlate entsprachen, „rein" zum Traualtar schritten, und — was fiir manchen jungen Menschen zn wissen wertvoll sein mag — die dann glückliche Gatten und Väter wurden. Keiner von ihnen litt körperlich oder geistig in einem die Gesundheit und Schaffenskraft schädigendem