Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 10 (1919)
- Issue
- 2 (5.1919)
- Date
- 1919-05-01
- Page
- Seite 31 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4926451-6352298-6352427--1553-4927642- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Berufsumfdjidjtung und die jüdische jugend. von Dr. Georg Baum, Rechtsanwalt und Dozent an de? i Handelshochschule in Berlin. _ Durch die Revolution dürfte der jahrzehntelange Kampf um die Durchführung der politischen Gleichberechtigung der deutschen Juden vorläufig einmal sein Ende erreicht haben. Der bereits im Gesetz vom 3. Juli 1869 ausgesprochene Grundsatz, üatz die Religion in der Erlangung^staatlicher Aemter keinen Unterschied begründet, ist nach nunmehr SO Jahren endlich auch zur praktischen Durchführung gelangt. Dafür ergeben sich aber gerade aus der gegenwärtigen Konstellation um so ernstere Fragen auf gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Gebiet. Damit gewinnt auch das Problem der Berufswahl erhöhte Bedeutung. Mit den nachteiligen Einflüssen der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung auf die Berufswahl hatte man sich erst kurz vor dem Beginn des Krieges ernner zu beschäftigen begonnen. Man mußte feststellen, daß sie sich schon in der Meilen und dritten Generation geltend machten. Man beklagte besondere das Zusammenströmen in den Großstädten, die Zunahme des Gelehrtenvroletariats. die Vermehrung schiffbrüchiger Existenzen und die zum Teil hierauf, wie auf das Großstadtleben überhaupt zurückzuführende allgemeine Zunahme der Nervosität und der körperlichen und geistigen Degenerätionsericheinungen. Hinzu kam noch die antisemitische Bewegung, die zu den eden geschilderten Erscheinungen in Wechselwirkung trat. Je mehr di? Ausdehnung der Großunternehmungen (Banken, Warenhäuser, Versicherungsgesellschaften) stieg, um so weniger konnte eine einzelne Person den komplizierten Mechanismus übersehen, und der einzelne in der Menge der Beschäftigten blieb zumeist dem Ehef ganz fremd, und wurde abhängig von anderen, die über sein Fortkommen zu entscheiden hatten, obwohl sie auch nur Angestellte waren, wie er. Die antisemitischen Strömungen, die sich unter dem Einfluß gewisser Handlungsgehilfenverbände m der letzten Zeit vor dem Kriege gerade in der Handlungsgehilfenschast hervorgetreten waren, konnten auf diese Weise selbst in Betrieben mit jüdischen Leitern und jüdischen Inhabern wirksam werden. Die Erkenntnis der ernsten Aufgaben, die hier zu lösen waren, veranlaßt? un Laufe des Krieges einen Kreis von jüdischen Männern und Frauen aus. allen Berufen, planmäßig an die Frage der Berufsumschichtung dm Juden, öeranzutreten. Man rechnete freilich damals mit einem anderen Ausgang des Krieges, als er leider erfolgt ist. Man hoffte, daß nach dem Kriege ein tmrt- -chaftlicher Aufschwung auf allen Gebieten. einsetzen werde, daß überall Menschenkräfte gebraucht werden würden und daß es deshalb schon unter dem Gesichtspunkt der Menschenökonomie die Aufgabe sei, jeden einzelnen an 2*..