Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 10 (1919)
- Issue
- 1 (3.1919)
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Kirche hat unsere Bibel in die ihre hineingenommen als dic Botschaft von der Verheißung, der ste selbst die Ersül.ung gegeben haben will. Das Wort de? messianischen Gedan.ens steht daher aucr in ihrer Schrift; aber sie hat es in ihre eigenen Gedanken hineingefügt, es kirchlich eingeengt, so daß es nur die Kunde vom Heiland, der ge kommen ist, und von seiner Kirche, die errichtet ward, enthalten soll Der Glaube tritt vor. das Gebot, die Gnade vor die Forderung der inenschlichen Erlösungsarbeit, vor die freie Verantwortlichkeit, in welcher Mensch und Volk vor Gott hingestellt sind. Aber im Christen, tum hat immer wieder der jüdische Geist, der Geist des Alten Testa ments, das nun doch vorhanden war, lebendig werden wollen; suchende Herzen fühlten sich immer wieder von ihm ergriffen. Es gibt einen Zug zum Judentum auch im geistigen Leben der Kirche, auch dort eine Hinkehr und Umkehr zu ihm. An manch einem Tag will auch dort der alte jüdische Gedanke wieder hervorbrechen. Seine Lebenskraft ist zu groß, als daß er sich dauernd zurückdrängen ließe. So erfahren wir es heute, wie die messianische Idee Israels, die Idee von der wahren Geschichte der Menschheit, von dem Bunde, zu dem die Völker der Erde gemacht werden sollen, sich wieder erhebt, um die Nationen aufzurufen Und die Schicksalsfrage ist, ob diesem jüdischen Geist, dem Geiste unserer Propheten, die Tore aufgetan sein werden, ob das Wort, welches er spricht, gehört werden wird. Das Schicksal eines Jahrhunderts wird davon bestimmt sein. Im Sommer des Jahres 1910 trat in Berlin — eine Kunde aus »ergangenen Zeiten — ein Weltkongreß zusammen, der leitende Männer verschiedener Bekenntnisse aus den Ländern der Kultur-zusammen rührte, um sie ihres Gemeinsamen bewußt werden zu lassen. Hermann Cohen sprach hier über die Bedeutung des Judentums, und der ofsi .stelle Bericht sagt, daß „seine klare, scharfe Rede für viele zu den Ereignissen des Kongresses gehörte". Cohen hatte sie in das Wort ausklingen lassen, daß „umgelernt, von neuem angefangen lverden müsse". Er meinte damit, daß man zUm jüdischen Gedanken zurück kehren müßte: „Es gilt, den Gedanken wiederzugewinnen än die litt liche Wiedergeburt, an die sittliche Zukunft der Menschheit. Es gilt, diesen Glauben wiederzugewinnen gegenüber der Selbstsucht der Völker und dem Materialismus der Stände." Es ist ein Wort aus einem vergangenen Tage, von einem gesprochen, der den Geist des Judentum? reden lassen wollte. Wie viel hat das Judentum nun unserer Zeit dock zu sagen, ihr zu sagen mit seinen Worten von dem. was Leben, was Geickiichte ist, was allein die Zukunft schafftl Lebensstark ist das Gute, nur das Sittliche hat seine ganze Wirk lichkcit. In wahrhaftem Leben ist darum das Volk allein, das in der Menschheit lebt, das in seinen sittlichen Kräften die Kraft seines Daseins findet. So ist es die messianische Idee Israels, die cchte, die immer neu wird, die Idee von der Realität des Guten. Es ist ein Kampf der Gedanken, der heute gekämpft wird; er zeugt von unseren Ideen, von ihrer Bedeutung für die Zukunft der Völker. Wer bei uns steht, der bilft das Ideal der Menschheit zu hüten.