Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 10 (1919)
- Issue
- 1 (3.1919)
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 sie das Hasten und Treiben im kleinen Menschenleben. Alles das ist für sie ein Leeres und Nichtiges, etwas, was der Stunde gehört oder dem Tage, aber nicht dein Leben, etwas, was die Menschen herstellen und hinstellen, was ihnen aber kein Lebensinhalt ist, nichts, was von ihnen geschossen wird. Wirklichkeit ist nur die Güte und die gute Tat; sie schafft, wie wiederum ein altes Gleichniswort sagt, der Gottheit einen Boten, einen Zeugen ewigen Seins in unserem Dasein. Damit ist auch die Freiheit des Menschen bezeichnet, wie das Judentum sie lehrt. Sie ist nicht ein anfängliches Geschenk, nicht ein ursprünglicher Besitz: dem Menschen gegeben ist nur die Möglichkeit zu ihr, der Boden für sie, das, was der Psalmist das reine Herz genannt hat. Wie auch das alte Gebet, das am Beginne unseres Gebetbuches steht, es sagt: „Mein Gott, die Seele, die du mir gegeben hast, ist rein: du hast sie geschaffen, sie ist dein Odem in mir." Diese Reinheit der Seele, durch die der Mensch das Ebenbild Gottes ist, ist ihm geschenkt. Sie ist in ihm geschaffen, und er in ihr, damit er vermöge ihrer die Freiheit erwerbe, selber auch ein Schöpfer sein könne, ein Schöpfer des Guten, damit sie ihm ein Acker der Freiheit sei. Nicht die angeborene Habe ist die Freiheit, sondern zur Gabe bestimmt, sie ist die Aufgabe, die der Mensch erfüllen soll, so lange er lebt und damit er lebe, damit sein Leben Wirklichkeit sei. Daß die Seele, die reine, von Gott gekommen ist und zu Gott zurückkehrt, das ist das ewige Geheimnis dcs Lebens, das, was zu seiner Tiefe führt. Daß die Seele zur Freiheit berufen ist. daß sie schaffen kann, das ist das Klare und Offenbare, das, was unser Dasein zu seinem Lichte geleitet, worin es seines Weges gewiß wird. Wie das Wort des Moseh es sagt: „Das Verborgene ist /des Ewigen, unseres Gottes, unh das Offenbare ist unser und unserer Kinder, daß wir alle Worte dieser Lehre erfüllen." Ter Wille zmn 1 Guten ist der Wille zur Freiheit, der Weg zum Sinne unseres Lebens. Hier trennt sich das Judentum, mit der ganzen Weite des Unterschiedes, von dem Christentum, wie Paulus es gebildet und in die Welt getragen hat, wie dann Augustin es zum Besitztum der römischen Kirche und Luther zum Protestantismus gestaltet hat. Ter ganze Gegensatz zwischen den beiden Religionen ruht nicht allein in der Vorstellung von Gott, der Einheit und Einzigkeit Gottes hier, und dort der Lehre von der Trinität, wie sie das kirchliche Dogma verkündet, der Lehre vom Gottmenschen, von der auch der liberale Protestantismus sich nicht loszulöscn vermag. Ganz ebenso sehr — vielleicht darin noch tiefer, weil darin die seelische Wurzel liegt — sind die beiden Religionen im Begriffe vom Menschen geschieden. Das Christentum weiß nur, daß der Mensch geschaffen ist, aber nicht, daß er schaffen kann. Es weiß nur. daß sein Leben bestimmt ist, aber nicht, daß er sich;» entscheiden vermag. Es weiß nur, daß das Schicksalslos über den -Men'chcn geworfen ist, aber nicht, daß er selbst seinen Weg und sein