Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 10 (1919)
- Issue
- 1 (3.1919)
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4926451-6352298-6352426--1524-4927614- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
3 Ceben und Seschichte. Von L. Baeck. . Es ist ein Grundgedanke des Judentums, daß nur das Gute Wirklichkeit besitzt. Das Sittliche ist das. was der Menich verwirklichen, was er wahrhaft erfüllen kann, worin jeder ein Bleibendes ins Leben zu führen, ein Schöpfer zu, sein vermag — wie das alte Gleichnis es sagt: ein Helfer Gottes im Schöpfungswerk. Was damit gemeint ist wird uns am deutlichsten in den breiten Linien, in denen es an den Gebilden der Weltgeschichte vor uns steht. Starke und Gebietende auf Erden. Völker und Könige hatten die Gebäude ihrer Macht ausgeführt. ihre Herrschaften und Reiche gegründet; das war ihnen und denen, die an sie glaubten, die Realität des Lebens, das, was sie zu schaffen meinten. Wenn aber die Propheten darauf blickten, auf Assyrien. Ägypten und Babylon, dann sprachen sie zu denen, die ihr Wort vernehmen wollten: „So mühen sich die Völker um ein Nichts, die Nationen um ein Dahinschwindendeß. und vergehen." Allem dem Drangen und Türmen der Erdenmacht stellen sie diese Ironie entgegen, die am Tage des Bauens den Tag des Sturzes schon erkennt, und ihr überlegener Spott, der sie über die Zeitgebilde emporbcbt. läßt sie da? Wort von Proben dichten: „Ter im Himmel wohnt, lachet, der Herr spottet ihrer." So sehen die Propheten die Weltgeschichte: alle Macht, die im Irdischen aufgeführt wird, ist dazu da. um früher oder später in Trümmer zu sinken. Von dem, was gewesen, ist geblieben nur. was ein Gutes an ihm war, und dieses allein wird Dauer haben wie aüs den früheren, so aus unseren Tagen. Lebensfähig ist allein das Gute, das Sittliche; nur in ihm ist Realität. Mit seinen großen Unirissen tritt dies in der Geschichte der Jahrhunderte vor den Blick. Seine persönliche Gestalt, seine eigenste menschliche Bedeutung gewinnt es in unserem umgrenzten Dasein, in dem Suchen und Streben, wie es dem Erdensohne zugemesicn ist. Unser Leben hat sein Bleibendes, das ein Geheimes ist. welches ihm als sein Gegebenes zugehört: aus der Ewigkeit kommt das Leben, und in die Ewigkeit kehrt eS zurück. Aber es kann auch selber sich sein Dauerndes gewähren, daS ihm ein Offenbares ist, weil es als seine Aufgabe vor ihm steht: im Guten kann das Leben sich verwirklichen, io daß der Bestand, die Einheit seiner Tage gegründet wird. Unsere Religion erkennt den Menschen als zum Schaffen Berufenen, als Subiekt leine? Lebens, als einen Eigenen, der zu bilden, zu formen vermag. -Sie ruft ihn darum auf, daß er fein Dasein gestalte, daß er sich entscheide; so bestimmt betont sie die?; daß sie ^ein Leben selbst als das benennt, was er wählen soll. „Siehe, sch habe vor dich hingestellt das Leben und das Gute, den Tod und das Böse — du sollst das Leben wählen, auf daß du lebest, du und deine Nachkommen." Mache dein Leben zum- Leben; du kannst es zur Wirklichkeit werden lassen, du kannst ein Schaffender sein. So ist es Grundforderung und darum Grundgedanke unserer Religion. Mit demselben Spott, mit dem die Bibel auf das Drängen und Jagen der Völker ihren Blick richtet, betrachtet