Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 8 (1917)
- Issue
- 6 (10.12.1917)
- Date
- 1917-12-10
- Page
- Seite 235 (sequence 75)
- Language
- German
- Belongs to
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— 235 — wenige wohlhabend, verhältnismäßig viele arm waren und die meisten nur eben das notdürftige Auskoiiiinrn hatt olle feindlichen Mächte vcrl m. Widerstandskraft gegen eh. Ein nat» zeit- und kulturireiudes Ghetto aber blieb es immert in bis tief in dcis 19. Jahrhundert hinein. *' War doch der Jude feit vielen Jahrhundertc n von Ackerbau und Hand- ' werk wie von allen öffcntl id)cn Unterrichtsanstalten. Aemtcrn und Vereinigungen ausgeichlosscjn. Mein Urgroßvater zeichnete sich vor den meisten feiner jüdischen! Altersgenosfen dadurch aus. daß er notdürftig deutsch leien und schreiben konnte. Seine Frau und noch das älteste ihrer Kinder, meine Großmutter, verstanden sich, abgesehen von dem Ableien der hebräischen! Gebete und Bibelabschnitte, nur aus das Leien und Schreiben des ig hebräischen Lettern dargestellten mittelalterlichen Jargons, des Jüdisch-Deutschen, in welchem auch die Uebersetzungen der Bibel und des! Gebetbuches sowie die gebräuchlichen Erbauungsbücher versaßt waren. Ihren Unterricht hatten sie von armen, mit spärlichem und ungeordnetem Wissen äusgestattcten Hebräischlehrcrn (Melamdim) erhalten.! Dem weisen Grobherzog Karl Friedrich haben die badischen Inden es zu danken, daß sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts durch eine in Deutschland damals einzig dastehende Organisation in allmählichem Fortschreiten aus dem Mittelalter heraus- und in die neue Zeit übergeführt wurden. Nachdem durch Edikt von 18(18 die Berleihung der allgemeinen staatsbürgerlicknm Rechte „an die Einwohner dek jüdischen. Nation" ausgesprochen war, folgte 1809 die konstitutionsmäßige Ausnahme — nicht bloß Duldung — und.eine den großen Landeskirchen ähnliche Organisation der israelitischen Glaubensgemeinschaft mit dem, ,■ Lbcrrat als einer staatlichen Behörde an der Spitze. Das Streben, dieser von einem Ministerialkommissär präsidierten Lberbehörde wax ' vor allem aus bessere Allgemeinbildung her Rabbiner und Lehrer und auf §ä)affung den christlichen ebenbürtiger jüdischer Elementarschulen gerichtet. Natürlich hatten die „neumodischen" Lehrer, die von dem. Jargon nichts mehr wissen wollten, vielfach gegen den Widerstand der am Alten hängenden Eltern anzukämpsen. Mein Großviiter erzählte mir von einem seiner Schulkameraden, wie dessen Vater die ihm von seinen. Jungen brühwarm aus der Schule gebrachte Kunde, die Kinder dürsten zu den Eltern nicht mehr „Tate" und „Menime" sagen, ausgenommen habe. „Nu. wie misse ihr denn sage?" fuhr er den Sprößling an. „Vater" und „Mutter", belehrte dieser, woraus der Alte fluchte: „Nemm dir e Mise meschenne*) ein mit deim Vater un deiner Mutter!" Es dauerte jedoch nicht allzulange, bis die Schule über die gröbsten Unarten in Sprache und sonstigem äußerem Verhalten Meister wurde. Immerhin waren niein elterliches Haus und das meines Onkcls. der wie mein Vater in größeren Städten die Kaufmannschaft er- MiaO raeschunno — unnatürlicher Tod. j