Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands · 1917-12-10 · 6 (10.12.1917) · p. Seite 234

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
Volume
8 (1917)
Issue
6 (10.12.1917)
Date
1917-12-10
Page
Seite 234 (sequence 74)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/4926451-6352295-6352419--1445-4927542
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 234 — tigien gcttjcifit und von finnigen Gebeten begleitet, die, weil hebräisch, nie langweilig wurden und keinen frömmelnden Eindruck machten. Zweimal täglich. morgens und abends, gingen Männer und grauen zum Gottesdienst in die Synagoge und es ist eine meiner lebendigsten und anmutigsten Erinnerungen, wie mein Urgroßvater mich als kaum sünsjährigen Jungen eines Tages in das Gotteshaus mitnahm und mir das „Wie schön sind deine Zelte. Jakob!"') versprach und wie ich stolz war. es nachivrechen zu dürfen. Von da an war ich ein einiger Besucher des Gottesdienstes und ahmte zuhauie zum Ergötzen meiner Eltern in kindlichem Spiel den Vorbeter nach. War so schon das tägliche.Leben in eme höhere Sphäre gerückt, io bildeten die Sabbate und Feste wirkliche Glanzpunkte. Schon der Vortag des Sabbats, der Freitag. bot viel Abwechslung. Am frühen Morgen wurde gebacken: das Schwarzbrot für die Woche, die weißen Sabbatbrote mit Mohnbelag und vor allem die fein ausgewiegten, mit Früchten, ftäic oder Kräutern belegten Flammkuchen zum Frühstück des Freitags selbst. Tann kam das Einholen'ans dem Wochenmarkt, das. weil es in der fruchtbaren Gegend viel Gutes und Schönes und iy dem nahen Rhein köstliche Fische gab. stets Freude bereitete. Ter Mittagslisch am Freitag war, damit der Sabbat um so mehr hervorsteche. einfach, hatte aber dadurch auch wieder seinen besonderen Reiz, i?Im Rachniiltag beeilte man sich, alles Geschäftliche zum Abschluß zu! bringen und die ganze Wohnung zum würdigen Empsang des Sabbats vorzubereiten. Ter Freltagabeyd mit dem Entzünden der Sabbatlampe durch die Hau-Zsrau. dem Empfang der Prinzessin Sabbat en dem hellerleuchteten, von ichönen alten Weisen erfüllten Gotteshause, dem Segnen der Kinber durch die Eltern, der Begrüßung der 8-riedensengel durch den Hausvater und seinem Sang aus das Biederwejb ist schon oft geschildert worden: es gibt nichts, was an Poesie, Gemüt^-tiefe und Volkstümlichkeit dem an die Seite gestellt werden könnte, sind es ist zu begreifen, daß unsere Ahnen auch in den Zeiten der ärgsten Bedrückung durch diese wöchentliche Feier und den von jeder Werktätigkeit befreiten, der gottesdienstlichen Erhebung und Belehrung, dem sreundschaftlichen Verkehr der Familien und der körperlichen Erholung gewidmeten Ruhetag sich stets wieder neu gekräftigt und ermutigt gefühlt'haben. Tann gab es aber auch noch ausgezeichnete Sabbate und. alles überstrahlend. die Feste: vom Frühjahr bis zum Spätherbst fünf hohe Feste, im Winter -das Chanukkah- und Purimsest, alle durch eigenartige. Auge, Herz und Geist fesselnde Symbole ausgezeichnet. Tie Fasttage, mit Ausnahme des Versöhniingstages zur Erinnerung an geschichtliche Ereignisse eingesetzt, vervollständigen daS Bild eines reichen, gehaltvollen religiösen Lebens, das dem Ghetto Wohnlichkeit und Behaglichkeit und seinen Bewohnern, von denen nur S Ma towu.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.