Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 8 (1917)
- Issue
- 6 (10.12.1917)
- Date
- 1917-12-10
- Page
- Seite 221 (sequence 61)
- Language
- German
- Belongs to
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— 221 — Die Kaffe. Bo» Professor Or Franz Oppenheimer (Berlin). Der Begriff der Rasse ist einer der vielfältigsten und deshalb' gefährlichsten der ganzen Soziologie. Er liegt in dieser Unbestimmtheit den pseudo-soziologischön Theorien zu Grunde, die sich vermessen, alles geschichtliche Geschehen aus den Unterschieden der Rassenbegabung ■ abzuleiten. Wir haben in den Schriften der Rasientheorctiker mindestens drei verschiedene Begrifse unter dem gleichen Namen» die unaufhörlich verwirrt werden und darum jode gewünschte Konsequenz ergeben. Erstens bedeutet „Nasse" einen bestimmten leiblich-geistigen Typus, den eine Menschenart von Anfang an besitzt, der unverlierbar fest ist und durch nichts als Bastardierung, d. h. Kreuzung mit-anderen Nassen verdünnt und — verdorben werden kann. Dieser Begriff gehört der Zeit vor dem Siege der Entwicklungslehre, als inan noch an die „Konstanz der Arten" glaubte, d. h. jede gute Art als eine eigene unveränderliche Schöpfung des Weltenmeisters betrachtete. Ter zweite Begriff ist bereits von der Evolutionslehre gemodelt. Hier erscheint die Rasse als das Endprodukt einer Differenzierung ans irgend einer nahe verwandten anderen Art. Und zwar sind hier zwei Unterarten zu unterscheiden, die soziologisch sehr wichtig sind: denn aus jeder von ihnen, als Prämisse gesetzt, folgt bei logischem Verfahren eine ganz andere Auffassung des historischen Prozesses. Tie eine Unterart ist mehr an' Darwin orientiert. Sic läßt- Rasse als das Ergebnis einer sehr langen Anpassung entstehen, deren Mittel vor allem die natürliche Zuchtwahl im Kampfe ums Dasein, die Ausjätung der Unpassenden, und die Verhinderung der Kreuzung mit nicht angepaßten Varianten, der Panmixis, sind, läßt also Menschenrassen nach dem Typus guter Arten entstehen, wie Darwin sie anffaßte. Tie Annahnie ist dann selbstverständlich, daß ein in so langem Entwicklungsgänge entstandener Typus auch, wenn keine absolute, so doch eine sehr große Konstanz, Unveränderlichkeit, aufweist, und für historische Zeiträume, die ja gegenüber den Jahrhunderttausenden der Ausbildung verschwinden, als gänzlich' konstant gelten dürfe, selbst wenn die Umwelt sich sehr bedeutend ändere. Tie zweite Unterart ist mehr an Lamarck und Geoffroy St. .Hilaire orientiert. Sie glaubt an eine sehr bedeutende Bildsamkeit des Lebenden, beim Tiere überhaupt und daher auch beim Menschen. Sie braucht daher entfernt nicht so-gewaltige Zeiträume, um die Ausbildung einer wohl charakterisierten Rasse aus einer verwandten Art abzuleiten. Daraus folgt, daß sie eher geneigt ist, sie als eine „Spielart", und nicht als eine „gute Art" aufzufassen, oder aber, daß sie annehmen muß, die Rasse sei nicht sonderlich dauerhaft, sondern eher veränderlich, und. geneigt, in ebenso kurzer Zeit wieder zu verschwinden, wie sie sich gebildet hat, wenn ihre Umwelt sich ändere, d. h. andere Anpassungen Platz greifen.