Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 8 (1917)
- Issue
- 6 (10.12.1917)
- Date
- 1917-12-10
- Page
- Seite 173 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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— 173 — Unter allen Fehlern und Schäden, an denen das geistige Leben in dieiem ganzen Zeitalter krankt, ist vielleicht keiner io tiefgreifend wie der ganz an der literarischen Oberfläche liegende. den der Gedanke vom Uebermenfchen blobstellt. Tiefen iAedanken hat man zu einer Lehre ausgebauicht und mit scheinbarer Begeisterung zur Parole gemacht. Der Uebermenich hat dann auch zum de 1 menich e n und zur Edelrasse geführt. Und so ist alle Humanität durch dreien Wahnsinn vom Uebermenfchen untergraben und erschüttert worden. „Es ist kein Mensch gerecht auf Erden, daß er das Gute täte und nicht sündigte." Mit diesem Satze ist die Lehre des Judentums von der Gnade Gottes, in der die Güte Gottes sich vollzieht, begründet worden. Und was von der Sittlichkeit des Menschen gilt, daß sie, kein sittliches Heldentum rechtfertige, keinen Heiligenkult und keine Heldenverehrung, das gilt nicht minder auch von aller'-i ntellektu eilen Kraft, von allem theoretischen llebermenschentum. „Es rühme sich nicht der Weise seiner Weisheit, und es rühme sich nicht der Held seiner Heldenkrast., sondern dessen^ rühme 'ich. wer sich rühmen will: Vernunft betätigen und mich> erkennen, spricht dev Ewige." So geißelt I e r e m i a den Aberglauben vom Uebermenfchen. Vernunft betätigen im GotterkeNnen. das ist die echte Probe der Weisheit, wie des Heldentums. Tie Weisheit des Menschen, wie sein Heldentum, bezeugt sich in der Tentut vor Gott, und fauf- Grund dieser Demut in der Bescheidenheit vor' sich selbst und vor den Mitmenschen. Unser Zeitalte rmub sich erst schämen lernen, dost es diesem Wahnsinn des Uebermenichentums sich vreisgegeben hat^ Alle Verirrungen, nicht nur in sittlicher und politischer Hinsicht, im Irrwahn der Selbstvergötterung und des Nassenkultus, sondern auch in wissenschaftlicher und endlich auch in ästhetischer Hinsicht: alle Verirrungen der Künste haben ihren letzten Grund in diesem Krebsschaden des Gedankens vom Uebermenschen. der das Widerspiel zum. Genie ist. Er ist das Grundsymptom psychischer Degeneration.im Individuum und psychischer Entartung in den Volksmaiien. Er paart sich mit dem Pantheismus, der ja auch die Sisibstanbetnng des Menschen befördert. So erweist sich auch gegen diele Grundübel des Zeitalters der Monotheismus jals die einzige Heilkraft. Die Demut vor Gott begründet die Bescheidenheit vor den Menschen. Lasset uns an diesem Grnndgeddnken sesthalten. dann werden wir auch in der Gegenwart und der allernächsten Zukunft unsere schwere Aufgabe als Juden uns erleichtern. Wlr wissen ja. wie schwer gerade tins die Bescheidenheit gemacht wird.! Unfrei und befangen sind wir noch immer genötigt, in der bürgerlichen Umwelt uns zu bewegen. Auf Schritt und Tritt müssen wir uns für unsere Existenz, für unseren Fortbestand entschuldigen. Wir Haben ja eigentlich nur eine abnorme Existenz. Die Duldung ist deti Stempel für die Abnormität der Existenz. Und wir haben nur immer noch ein Juden-