Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 8 (1917)
- Issue
- 5 (1.11.1917)
- Date
- 1917-11-01
- Page
- Seite 143 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/4926451-6352295-6352418--1353-4927451- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 143 nicht rechtfertigen. Die deutsch-nationalen Christen und die deutschen Juden haben so viele gemeinsam« kulturelle, politische und j soziale Berührungspunkte. Immerhin könnten sich daneben noch Widersprüche und Differenzen ergeben. Deutsch-national ist aber nicht das Shnorchm für das anthropologische .Germanisch". Ueberall, wo das Wort deutschnational gebraucht wird, ist das sprachliche Moment in erster Linie umfaßt. in zweiter Linie Pas kulturelle und in dritter Reihe das staatliche, in vierter Linie das Rassenmoment; so ist der deutsche Jude in vieler Einsicht auch deutschnational. Es mag bitter sein, für jemand, der mit diesen Ausdrücken seit Jahr und Tag gearbeitet hat. seine Phraseologie ändern zu müssen. Ab^r es ist fruchtbarer, dem problematischen Gebiet der reinen.Rasse, der Nationalität zu entsagen und den festen Boden der blut«mäßen Bindung unserer Einheit, nach außen und innen durch die Religionsgemeinschaft verstärkt und getragen, anzuerkennen. Auch für die Zukunft läßt sich diese Erklärung der jüdischen Art gegenüber allen Bestrebungen, welche sich gegen nationale Sonderbestrebungen in Deutschland richten, ebensogut behaupten, wie gegenüber den radikalen Elementen, welche das religiöse Moment im Jüdischen negieren. Es wäre nicht überflüssig, noch eingehend auf das starke Gehalt zur Volksbildung in der jüdischen Religion besonders hinzuweisen. Kaum eine Religion ist hierin so konsequent^ übt einen so gewaltigen Eindruck auf die Eigenart ihrer Anhänger aus! wie die jüdische, die das ganze Leben des einzelnen Individuums von djer Kindheit bis zum kode. vom Morgen bis zum Abend durchdringt. Nicht umsonst heißen die Juden Söhne des Bundes, eines Bundes, der jedes Mitglied neu aufnimmt, durch seine Heirat wiederum eingliedert-und so rein äußerlich ein Band um seine Söhne schließt. Blut ist ein besonderer Saft, stärker als Wasser. Deshalb kann die Taufe nie einen Juden vollkommen seiner Religionsgemeinschaft entwurzeln, wie ^>ie meisten Renegaten — von Heine angefangen .— zu spät erkannten. Piejenigen. welche den Gehalt dieser Religionsgemeinschaft erkennen und auf das Minimum einet transzcndentralen Ueberzeugung zurückführen, zeigendaher den Austretenden einen Weg, den diese einicblagen zu können glauben. Wenn er sie nichts ins Freie führt, xs ist nicht ihre Schuld. Der weiten Verständigung der westlichen Juden wäre nach diesem die Basis gegeben, j Nicht nüt die deutsche politische Verfassung bedarf neuer Klärung und neueif Wertung. Auch wir Juden haben allen Grund, die Zeichen der Zeit zü werten. Die große •' Judenheit hat in' dem letzten Jahrhundert eine Wandlung durchgemacht, wie sie wenige Jahrhunderte aufzuweisen haben. Wie ich andernorts nachzuweisen versucht habe, drohen dem westlichen Judentum schwere Gefahren. Diesen zu entgehen, ist höchste Zeit und Unfug ist es, sich wegen unßver-