Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 8 (1917)
- Issue
- 4 (10.9.1917)
- Date
- 1917-09-10
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- 98 - Das Judentum, das stets eine Religion des Lebens sein wollte, hat es sehr gut verstanden, alle Eigenheiten und kulturellen Kräfte seinen Zwecken dienstbar zu machen In sinniger Weise vereinigt es die Natur draußen und die menschliche Natur mit den höchsten Idealen, und es schuf daraus eine eigenartige Harnionie. Das zeigt sich in den jüdischen Festen ain deutlichsten. Sie stellen Stationen des sozialen, kulturellen und ethischen Lebens dar. Man sieht an ihnen den zurückgelegten Weg und die Strecke bis zum Ziele. Eine seltene Stimniung zeigen diese Feiertage. Sie sind lange vorbereitet und erhöhen sich von Stufe zu Stufe, bis sie den Gipfelpunkl erreicht haben, und klingen dann zart und wehmutsvoll aus und hmterlassen Erinnerungen für lange Zeit. Sie kommen aus dem Strom des Lebens und münden wieder ins Leben, das sie reich befruchten. Jedes jüdische Fest hat seinen eigenen Charakter und seine eigene Stinunung, und jedes ist jüdisch und unvergleichlich. In jedem lebt die jüdische Geschichte, das Leben der Vergangenheit, der Individualität—und der Gemeinschaft und die Sehnsucht stach Schönheit. Aber jedes Fest zeigt eine andere Seite des Gemeinicharakters und in jedem Feste spricht diese Seele der jüdischen Gemeinschaft in einer anderen Modulation. Der Erinnerung und der Versöhnung, der Kultur und der Natur, jeder ist ein besonderes Fest gewidmet und jedes verkörpert die Eigenart und den Beruf Israels in anderer Form. Und diese Feste stellen nichts Erstarrtes dar, sondern sie fließen mit dem Leben, vereinigen sich mft den Zeiten und nehmen immer neue Gestalt an, und man kann in ihnen den ganzen Entwicklungsgang des Judentums und der Judenheit studieren. Sie haben fast alle, wie die Feste aller alten Völker, als N a t u r f e st e begonnen, wurden dann zu N a t i o n a l f e st e n mit sozialer Bedeutung und entwickelten sich dann mit dem. Fortschritt des ^Volkes zu reinen ethisch-religiösen Festen, und von allem, vom Naturcharakter wie vom nationalen, ist etwas übrig geblieben in der fein bestimmten Form der Erinnerung, in den Symbolen und Zeremonien. Daher versetzen uns diese Feste in eine höhere und doch jüdische Welt, in das Reich unserer Sehnsucht. Und auch das ist charakteristisch für unsere Feste, daß sie religiöse, aber keine Kirchenfeste sind. Das Religiöse ist hier so zart mit dem Natürlichen verbunden, daß man es als Reiz und nicht als Last empfindet. Das Himmlische steigt zu uns herab und gibt sich mensch-