Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 5 (1914)
- Issue
- 8 (1.8.1914)
- Date
- 1914-08-01
- Page
- Seite 201 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 201 — gcl religiöser Innerlichkeit geschlossen. Aber auch dieser Schluß ist vollkoiniiien willkürlich. Gewiß gibt es hier, wie überall, wo Formen sind, Menschen, die sie sich zunutze machen, um über den Inhalt mehr oder weniger hinwegzukommen. Aber behaupten, daß diese Eigenschaft bei den Ostjuden irgendwie vorherrsche, kann nur das Vorurteil, das in sremde Seelen nicht eindringen kann oder will. Wer 'die Ostjuden kennt, weiß, daß es, gerade im Gegenteil, unteis ihren Frommen nur sehr wenige gibt, die von religiöser Innerlichkeit gänzlich verlassen wären, dagegen sehr viele, die die erhabensten Höhen innigster Gott-' ergebenheit erklimmen, und daß der Turschnitt aus den frommen Formen ein beträchtliches Maß frommen Wesens zu schöpfen weiß. , ('lewiß, man darf, man muß sogar, noch mehr, weit mehr fordern, aber auch diese Mehrfordcrnng hat unter den Ostjuden nie geruht. Ja, sie hat sich hier in einer mächtigen Bewegung verkörpert, die im Gegensatz zu den wcftjüdischcn Jntelligenzlerströmunzen der Reform und der Restitution — als eine historische und doch -evolutionäre Massenerscheinung anznsprechen ist. Man kann es ruhi; sagen: Eine so ftiir» mische, leidenschaftliche und machtvolle Bewegung zu Gott hin, wie der ■ Ehassidismus war, ist seither in der Judenheit nicht ausgetreten. lieber den Ehassidismus sind die unzulänglichsten Vorstellungen verbreitet. Gewöhnlich wird er dem ahnungslosen Westler als die Orthodoxie oder als schärfste Tonart der Orthodoxie unter den Ostjuden erklärt. Aber die religiös.bestimmte Lebensgemeinschaft der Osljuden ist nicht orthodox im westlichen ®inr des Wortes. Und Ehassidismus ist weder mit der Gemeinschaft identisch, noch ihr „ortho- ' dorester" Teil. Eher könnte man noch das jentcil sagen, daß er eine Abweichung von ihrer „Orthodoxie" dar cllt. Doch auch das wäre nicht richtig. Man kann eben mit allen der fremden Schablonen üe ostjüdischen Dinge nicht zwingen, muß sie Die eigenartigen Geschichte und Tatsächlichkeit betrachten. Und tut man dies, io stellt sich »ns der Chassidismus zunächst in Bezug auf seine Entsteluingszeit (vor einundeinhalb Jahrhunderten) als eine religiöse Bewegung dar, die ihren letzten und tiefsten Jsnpulsen nach darailf ausgiug, die etwas geruhsam gewordene jüdisckh Religiosität in eine rubelos wirkende religiöse Energie umzuwanÜcln und in diesem Drange die Lehre verkündete, daß es erlesene Menschen, „Zaddikim", gebe, welche die Vermittler zwischen Gott sind tser Masse der Gläulügen seien. Die weitere Entwicklung verfolgend, sehen wir den Ehassidismus gerade an dieser Lehre, oder an der Art, wie er sie in Praxis umsetzte, scheitern. Er wird ein Ipielball ins den Händen oft unberufener Unverantwortlicher und gerät so »unbedenkliche Abwege- . Was aber das Bedenklichste ist: Immer mehr sich ausbreitend, immer mehr auf die übrige Ostjudenheit Einfluß nehmend und von ihr beeinflußt - - büßt er allmählig seine religiös schöpferische Energie ein. Doch selbst heute, wo von dieser fast nichts mehr zu fühlen ist, und inanche Mißstände seiner Praxis zum Himmel schreienl hat man nicht das Reckst. ihn mit einem verächtlichen Lächeln abzurun. Ta gibt’#, noch immer manches, was über Philisterweisheit erhaben ist. Und vor allem darf man über seinen Gebrechen, iiber dein Sturz aus der stolzen Höhe der Konzeptionen seiner Gründer nicht vergessen, daß er dem mehr einfach in ihrer