Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands · 1914-01-01 · 1 (1.1.1914) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
Volume
5 (1914)
Issue
1 (1.1.1914)
Date
1914-01-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/4926451-6352291-6352375--0857-4926973
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

10 in der ganzen Welt vorhanden in, daß jedes Geschlecht diese von dein früheren ererbt habe und kam die Reihe rückwärts verfolgend zum ersten Geschlecht, zum ersten Menschen, der Religion verkündet hat. Wie aber konnte er dieses, ohne von Gott einen persönlichen Auftrag erhalten zu haben? Weil er ein Genie war und zwar ein religiöses. Das ist ja gerade das Wesen des Genies, ursprünglich zu sein, aus einer innersten Anlage heraus neue Bahnen zu weisen. So sind dem modernen Philosophen alle Propheten der heiligen Schrift religiöse Genies und stehen ihm auf der gleichen Stufe wie die Begründer der verschiedenen posiril>en Religionen. . Wenn nun Religion in Wirklichkeit so. entstanhen sein soll, wenn sie nichts anderes darstellt, als das Geschenk, das ein religiöses Genie dem Menschen brachte, so ergibt sich ein Doppeltes daraus: Die Religion gehört zum Menschen; er kann nicht auf elvig ihr entraten; gar bald treten Männer auf, die, einem innersten Zwänge folgend, sic verkünden müssen. Mit anderen Worten: Religion und Menschheit bedingen sich gegenseitig. Aber noch etwas folgt. Man konnte ja fragen: „Wie war es möglich, daß die Wahrheit, die das religiöse Genie kündete, so schnell Gemeingut aller Menscher? geworden ist?" Denn nichts wissen wir davon, daß jemals.im Altertum Kämpfe geger^ die Religion an sich geführt wurden, wie sie in unseren Tagen der Monismus unternimmt. Alle Religionskämpfe wurden nur um Formen geführt, durch die Religion in die Erscheinung tritt, nicht aber gegen Gott. Wie konnte sich also so schneller neu verkündete Gedanke verbreiten? Weil >in allen Menschen eine Anlage, ein Sinn für Religion, vorhanden ist. der nur geweckt zu werden brauchte, um sogleich die!neue Wahrheit aufzuneh». men. Wie alle Saiten eines Flügels mitklistgen, mitvibrieren, so ein Mensch einen Ton in diesen hineinsingt, so erzittevten alle Menschenjeelen in dem Augenblick, als eine große Seele ihnen verkündete, jenseits aller Erscbeinungen walte ein göttliches Wesen. Rarürlich war es im Anfang unmöglich, dieser neuen Vorstellung von einem überiröisckien Wesen, von Gott bestimmte 'Formen zu geben. Man war sich des Gefühls bewußt, daß eine Gottheit vorhanden fei. Welcher Art diese aber tvar, wußte man nicht. Diese Unbestimmtheit — und sie ist das einzige Merkmal an der ursprünglichen Idee. Gottes —' mußte naturgemäß dazu führen, daß jeder die Gottheit anders verstand und anders darstellte. Hierin ist der Polytheismus, die Vielgötterei, begründet. Und so enthalten die uns bekannten, ältesten Religionen Verehrung mehrerer zum Teil befreundeter, zum Teil sich bekämpfender Götter. Tie heidnischen Religionen hatten ein jedes Attribut, eine jede Eigenschaft Gottes zu einer besonderen selbständigen Gottheit heranwachsen lassen. War ihnen die Hilfe der Gottheit im Kriege erwünscht, so. machten sie aus diesem Vermögen Gottes, im Kriege zu helfen, einen besonderen Kriegsgott; beschützte sie Gott auf der Seefahrt, erkannten sie in diesem Beistand wiederum eine selbständige göttliche Kvaft und nahmen so den! Gott des Meeres an; in ähnlicher Weise entstanden der Gott des Handels, die Göttin der Gerechtigkeit und die Unmenge der anderen Götter, zu denen dann noch die Hausgötter kamen. Gegen biete die Vielheit und Gegensätzlichkeit l.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.