Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 5 (1914)
- Issue
- 1 (1.1.1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 sondern das Erlebnis des sich wollend umgrenzendes Menschen wecken wollen, so ist die Ueberschüttung mit noch so blendenden Impre ssionen nicht am Platz, und in vielen seiner späteren Werke stehen solckie Feinheiten als ein Zuviel, als ein Hemmnis. Der andere Schaden sitzt tiefer: Heimarin scheint zuweilen wie ein Wissenschaftler über seinen Menschen zu stehen und stich mehr für die Bedeutung ihres Falles zu interessieren, als ihr einmaliges Schicksal zu erleben. Dieser Eindruck kommt dadurch zustande, daß der stommctztar ^en Stoff erdrückt, die betrachtende straft, die phantastische zur bloßen ^eispielgebung hcrabsctzt; so wird aus der Novelle eine psychologische Studie, aus dem Urania ein philosovhiscycr Dialog. In der „tzicbesschulc". sind die «feingcknüpften, aber etwas dünnen und' gradlinigen Fäden der Handlung noch so mit schweren Gedanken behängt. sic bis zur völligen Unkenntlichkeit des Musters nicdergezogen werden. Hier reden d:c große Hetäre und das kleine Mädchen, der stolze Weltmann und der schwärmende stnabe allesamt so, wie eigentlich nur der Narr des Stückes reden dürfle; in den tiefsinnigen Paradozicn Hcimannscher Weisheit. - Sie sprechen das Heimannschc Weltbild mehr aus als sic es darstcllen, sind weniger lebendige Leiber als Gcsprächsmaskcn des Denkers — und das eben ist der philosophische Dialog, Auch im „Joachim von Brandt" gibt cs noch gelegentlich Ausbrüche dieser undramatischen Dialektik. Aber dies Stück verhält sich zu Sem voraufgedenden doch schon wie ein Landschafishild zu einer Landkarte; dies ist kein abstrakter Fall mehr, als Beispiel für eine Idee gefügt, sondern ein Stück pbantaftischen Lebens, das dem Sebauenden seine ^Beweiskraft für die eigene Lcbensidec enthüllt. Dieser Stoff bringt n cht nur eine ganze Zahl lebendiger, leidenschaftlicher und verlogener Dialektiker auf die Beine, denen Heimannsche Paradoxien natürlich anstebeu — er bringt vor allem die märkische Atmosphäre, in der Heimann zu Hause ist. -Hier, wo karges Ackerland Wischen dürren .Kiefernwäldern, uitd weißen Seen in gleicher Stärke zu harter, arbeitsamer, preußischer -Realpolitik und zu einer berückend melancholischen Naturhingabe ladet, hier sind die starken Wurzeln seiner .straft: auf dieser Scholle und unter diesen Menschen kann er lebendigere Zeichen seiner innersten Art f nden als in irgend einem Italien. Insofern ist das venezianische Rcnaisianccdraina „Ter Feind und der Bruder" wieder im Nachteil. Heimanns Sprache, die in „Joachim von Brandt" von körniger Hnrtx war, kommt hier nicht ganz qhne die weichen, sinnlichen Füllungen neuromanrischcr Iambenpatbeiik aus — wenn auch Heimanns leiden- »chaftlicke GeiHigkeit diesem Stil alsbald eine Sckärfc und Reinheit gibt, die er in der Hand eines Wieners nie bekommen bar. Immerhin füllt Heimann diese leidenschaftlich glühenden Italiener nicht so durchaus mit Blut iv'e fctne spröden märkisch-xrcußisckcn Ebarakterc. Die keusche Jungfrau, der verträumte Knabe, sie sagen so manches von ihrem Wesen und von ihrem Schicksal aus, daß sie nicht selber wissen können, das nur ihr Dichter wissen kann, und durch dessen Anssprachc sie zuweilen wieder aus-dramatischen Gestalten zu philosophischen Figurinen zu werden drohen. Und die Fisckcrssvau Maddalena, deren wildes Naturwesen so prachtvoll an das Ende dieser stulturtragödie gestellt ist, spricht in recht illusionsmürdcrischer Weise vom „Urgebeimnis des Traumes" und kontrastiert den „Trug der stumpfen Gewohnheit" mit dem „refften Jubel, der durch die Elemente gebt". Trotzdem ist dieses Drama das bisber wichtigste und schönste Dokument des Menschen und des Dichters Heimann.-Heimann bat noch nie ein größeres