Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 4 (1913)
- Issue
- 11 (1.11.1913)
- Date
- 1913-11-01
- Page
- Seite 358 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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358 — Cin jüdisches Frauenleben im. 17. jahrhundert. I 1 Tic Oiroßeti und Größten. Männer wie grauen, aller Zeiten, aller j Länder, aller Rassen klingen in uns. Die Geschickte mackl uns mit ihnen bekannt. Tagebücher. Bricswechsel und ähnliche Biographien machen sie uns bertraut. Wir kennen ihr Leben, ihre Taten, ihre Wirkungen. Wir fühlen ihre Macht, wir sehen die Linien, die sie in der Weltgeschichte eingegraben haben. (Aar manche von ihnen stehen uns näher, als die, die noch um uns leben und wirken. Wir sind gewohnt, in der Vergangenheit nur mit den Hochragenden zu tun zu haben, wir kennen nur ihr Leben, nur ihre Anschauungen, ihr Wollen und Streben, ihr Schicksal. Ganz selten nur dringt die Stimme eines Alltäglichen an unser Ohr, die von dem Leben der Menge einer Zeit berichtet. Während die Großen fiir uns von höchstem Interesse sind, weil sie von Großem berichten, selbst wenn auch alles um ein einzelnes Menschenleben sich zusammenschließt, so scheinen mir die Erinnerungen eines Durchschnittsmenschen nickt minder bemerkenswert, denn, sie erzählen von einem Dasein und geben damit gleichzeitig die Schilderung des Daseins der Anderen. So sind die Denkwürdigkeiten der „Glücket von Hameln", *) einer einfachen Jüdin des 17. Jahrhunderts, von ganz besonderem Reiz. Sie gibt uns damit ein bedeutsames Kulturdokument, das uns das schwere Leben unserer Vorfahren greifbar nabebringt. Wobl beschränkt sich diese Frau nur die Schilderung ihres eigenen Schicksals und das ihrer weitverzweigten Familie, aber damit zeigt sie uns gleichzeitig die Verhältnisse, in denen damals die jüdischen Familien in ^Deutschland lebten. Ohne zu beabsichtigen, ein Gemälde ihrer jüdischen Zeitgenossen zu geben, nur in dem Gedanken, ihren Kindern ihr Leben zu schildern, zeichnet sie in ihren Tagebuebblärtern ein Bild, das wir als tnpisck betrachten dürfen, tzas mit all seinen Feinheiten und Einzelheiten das jüdische Leben im 17. Jahrhundert bell beleuchtet. Keine außergewöhnlichen Ereignisse, keine außerordentlichen Menschen zeigt ftc uns. aber eine Reihe von edlen, charaktervollen, klugen Tnpen: das Leben nickt Kn seinen größten Dimensionen, sondern in seinem ruhigen Flug, das in diesc-r Gleichförmigkeit viel Freude und Leid, viel Starkes und Sckuvackes bervorbringt, um es. kaum gebildet, wieder verschwinden zu lassen. Glücke! Hameln zeigt in ihren Denkwürdigkeiten, daß sie an Geist und Krair viele der Ihren überragt, doch zu ihnen gehört, siw innign mit ihnen verbunden süblr. In vielen kleinen Büchern bemübt sie iieli, ibren Kindern zur Freude, sich selbst zum. Trost, ihre Lebenserinnernngen auszuschreiben. Im Jahre 3407 il04B—47t in der Gemeinde Hamburg geboren, verlebte sic dorr eine glückliche Kindheit. . 14 Jahre alt, wird sie die Frau von Ebajim Hameln. Ihre Ehe reifr sie überraschend schnell, sie lebt n inniger Gemeinschaft und Innigkeit mit ihrem Mann, dessen Bildung, Güte und Tüchtigkeit sie nicht genug rühmen kann. -»-j Sie. ist nickt nur seine tüchtige Hausfrau und die Mutter der 12 Kinder, die sic ibm im Lause der Jahre schenkt, sondern auch seine Mitarbeiterin. Lhne ibren Rat und Beistand unternimmt er kein Geschäft-, ohne „sein Glückelchen" schließt er keinen Vertrag. Rach 30jäbriger, glücklicher Ebe wird er ibr entrissen, und sie bleibt mit S unversorgten Kindern, einem großen, weitverziveigten Geschäft zurück. Sckwer getroffen, rafft sie ficti dennoch schnell auf, beugt der Fügung Gottes das Haupt und versucht, mit eiserner Energie ,u»d mit Aufbietung aller Kräfte ibren^Kinder» den Vater zu ersetzen, das ganze Geschäft allein weiter zu führen. „Ich habe mich auch nicht gescheut, bin Sommer und Winter gereist und den ganzen Tag über in der Stadt herum gelaufen." Sie wird von allen. gegeben *) &u* dem Iüdisch-Teutschen übersetzt, mir tzrläurerungeri verleben und heraus- >tm von?r. A. Heilckenteld Jüdischer Verlag ÄerUn l'.'i'l Preis t Mark. .!