Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 4 (1913)
- Issue
- 2 (1.2.1913)
- Date
- 1913-02-01
- Page
- Seite 50 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/4926451-6352289-6352358--0412-4926545- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
— 50 Ter junge Passagier neben mir war. wie ich gleich sah, einer jener '^eschilveh-Bocherc-, wie es hierzulande Tausende gibt. Das sind teilte, die Tag für Tag in den hebräischen Büchern studieren, über den hunderl- und tausendfachen Kommentaren, welche die Rabbiner des Altertums und des Mittelalters hinterlassen, allen Problemen des "eben* nachjagen Meirichen, die keinen anderen Beruf erlernen, bis sie sichi zn Beginn ihre» zwanzigsten bis. vierundzwanzigften Jahres verheiraten. Tann gibt ihnen der Schwiegervater eine Mitgift von tausend bis'dreitausend >tstonen. Tamit erössneir sie sich eiinen kleinen Laden.und-bandeln, oder stehen mir dem Packe! über Landl »m etwas ' zu verdienen und leben.zu können. Aber auch dann ersüllt sie'nur ein Gedanke: Tas Studium der Schrift. das sie iit allen Mustijstunden de- - .treiben Man kann über diese Menschen denken wie man will. Aber die wundersame Tatsache kann man nicht leugnen: Sie kennen wie kaum ein zweites Pölk ihre Nationalliteratur. -Hunderte und Tausende stellen aus deir Werken der grasten jüdischen Philosovlien ^'zitieren sie ariswendig. Au» jede Lebenslage wissen sie mit dem Auswruch irgend eines grasten Tenkers zu antworten. Und wie mir uns Die Hellenen ' >um Pergleich beranzieben können, staben sie eine EstrsiMN vor den <strosten ihres Volkes, deren Werke in ihnen weiterlebM^ Was ist . Goethe. Millionen von TeutjchenV Aber die viel sclnvierigMen ^Abhandlungen jüdischer Gelehrter sowohl des babi,Ionischen als des st'anischen und des deutschen Mittelalters iiiid den einfachsten Meia'cheit dieser Törser die tägliche Lektüre. 1 ' lieber diesen Büchern hatte wie viele andere - auch mein Nachbar 'einer Gesundheit vergessen, tlknu wollte er den Rabbi sragen. - ob er wieder gesunden würde. Er sab' io blast »itd iuugenschwiudsüchtig aus und hustete immenvährend, das, ich die Furcht nicht lss wurde, er könne unterwegs in meinen Armen verscheiden. Tie svabm ging durch ein Tors, dessen St rasten ihren Namen zu Unrecht batten. Alle Augenblicke schien der Wagen im >iol zu versinken, sprang dann wieder empor,-um gleich darmit in einer Pfütze das Treckwasser weit auf spritzen zu lassen. j?>ch atmete besriedigi aus, als ein grandioser Bau in byzanlinischem Stil vor uns auftauchte. Links und.rechts von der Synagoge lagen groste schöne Gebäude. das Beth-Haruidrosch, tvo alltäglich ' H»uderte",.lernen". d. b. in den Schriften lesen, diskutieren und unteriviese» werden. , . , ^ch säst mir die alle, wertvolle Bibliothek au. unterhieU mich mit dWiBewolmeru des Städtchens, photographierte und wartete auf die-groste Audienz. st»i grasten Porsaal stand die Menge. Arme alte ,Trauen, vergrämt aussehende Männer, denen das Leben bös mitgespielt batte', Ztranke, -Blinde und solche, die zu Hause Sieche und Uitglücklickre hatten und nun des Segens des Rabbi warteten- Nirgends war irgend ein Schmuckstück, die Zimmer waren hoch abep düster. Tie Bänke standen wahllos umher aus einfachstem Holz. Endlich.löste sich einer aus dem zahllosen Gefolge dies Rabbi her ' vor und kaut auf mich zu. Wir gingen zu einer Bank wo er einen alten -Tederkiel nahm und mich fragte: J