Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 3 (1912)
- Issue
- 9 (1.9.1912)
- Date
- 1912-09-01
- Page
- Seite 6 (sequence 7)
- Language
- German
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I J- 6 — ' tripolitanischen Lager Enver Beys?) — hat niemals daran gedacht, irgend ein Volkstum zu unterdrücken zu Gunsten eines Kulturmischmasches, der nur ein dynamitartiger Stoff sein kann, dessen gefährlicher Charakter, keinen Augenblick verkannt werden könnte. Man hat in der Türkei — bis jetzt! — noch nie Einheit und Gleichartigkeit verwechselt,' und ihre Völkerschaften besitzen Temperament 'genug, uyr sich jeden Versuch stümperhafter Volkschenne aus Minten-I - lauflänge vom Leibe zu halten.^ Unter diesen Umständen ist an das türkische Judentum eine Assimilationsversuchung niemals herängetreten. Ta. sie jede „Emanzipation" zugleich mit dem türkischen Volk durchgemacht haben, so bilden sie dort keine Gruppe geistiger Emporkömmlinge und da im Lande der .sialifeii nie ein Ghetto existiert hat, so lag der normalen wirtschaftlichen Entwicklung nichts im Wege, nnd sogar der gefährlichen „jüdischen Schlauheit" in Handel und Wände? standen die entsprechenden Talente griechischer und armenischer ^Volkstcile als äußerst wohltätige Konkurrenz gegenüber. Kurz und gut: das rür-. kische Judentum hat sich in normalen Verhältnissen aus eigener Kraft heraus eittwickeln dürfen, und das war sein Glück. . , Aber das Unglück lag daneben. Tadurck>daß die spanischen Juden, die ein gütiges Schicksal in die türkischen Lande trieb, von, 1500 an keinerlei Gefahren mehr zu bestehen hatte, wurden sie aus der.Bahn der jüdischen Geschichte aus ein totes Geleise geworfen, verloren sie den Anschluß an die Hauptmasse des Judentums. Während diese wanderle, das Mittelalter überwand, sich degenerierte, um dann mit Macht zu Regeneration zu schreien, lag das spanisch-türkische Judentum friedlich in seiner neuen Heimat und weder die großen politiichcn 'Stürme des europäischen Wetterwinkels, noch das ewige Kriseln des. Rieienreiches berührten sie m ihrer idyllischen Existenz. Ihr Tasein war.kampflos. , Wen» man das anders gusdrücke» will, so sagt man eben: ihr Leben stagnierte. In der Sprache, ja in der Kleidung sind sie fäst noch vollkommen Spanier von 1500, und die gelehrten Herreit der Alma mater.Madrid spuken kontinuierlich in Saloniki herum und studieren — o Treppenwitz der Weltgeschichte! — an den Nachfahren der-anno daznmal schmachvoll herausgejagten „Judenbrut" 'Sprache, Kleidung und Sitten dero Erlauchten Ahnen zwischen den Pyrenäen und Gibraltar! j . . Nun ist es aber keines Menschen Taseinszweck, mit anderen seinesgleichen ein lebendiges Museum aus dem 10. Jahrhundert zu bilden! Tas kann eine Weile gut gehen, z. B. wenn die Umgebung auch der Gegenwart stets um ein paar Jahrhunderte nachhumpelt, wie in der. Türkei. Wehe aber, wenn dann eines Tages das 20. Jahrhundert init eisernem Knöchel an die mittelalterlichen Hirnschalen klopft und init dem Hauche des Zeitgeistes alles Muscumsleben durch die Finger bläst! Und so weit stehen die Juden inder Türkei heute!