Pult und Bühne
- Journal
- Pult und Bühne
- Volume
- 1938
- Article
- Rudolf Schwarz: Vorsingen und Vorspielen
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 73 (sequence 2)
- Language
- German
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setzen zu müssen, daß er beim Vorsingen einer oder mehrerer Arien unter erhöhter Nervosität leidet, die seiner Leistung mehr oder weniger — je nach Temperament und Veranlagung des Betreffenden — Abbruch tut. Jedem Sänger fällt eine Zentnerlast vom Herzen, wenn man ihm in Aussicht stellen kann, in einer Rolle zu gastieren. Dann erst, im Verlaufe der ganzen Partie, in Maske und Kostüm, in der ihm gewohnten Umgebung (Dekoration, Beleuchtung usw.) kann er zu voller Leistungsfähigkeit, wie auch der Theaterleiter zu dem Recht schärfster Kritik gelangen. Da nun innerhalb der Kulturbünde die Möglichkeit zu Gastspielen (oder Uebertragung einer konzertanten Aufgabe) fehlt, bleibt nur der einzige Ausweg der Beurteilung durch ein Vorsingen. Dabei hat nun der Beurteilende die erhöhte Verantwortung, neben größter Sachlichkeit auch ein Mehr an „Fingerspitzengefühl" darin zu beweisen, einerseits etwaige „Versager" nicht voreilig als Anlaß zur Ablehnung zu werten und andererseits sich durch einzelne Vorzüge nicht „bluffen" zu lassen. Er muß zu unterscheiden versuchen, wie weit vorhandene Mängel bei richtiger Führung ausgeglichen werden können und wie weit Begabung und Temperament zu einer Hoffnung auf Entwicklung in künstlerischer und technischer Hinsicht berechtigen. Dabei ist das Risiko eines Fehlurteils nie völlig zu vermeiden; am allerwenigsten dadurch, daß man den Sänger möglichst viel, und noch dazu gerade das Schwerste singen läßt. Eine ganze Partie seines Fachs enthält eine oder zwei große Arien; ihn nun bei einem Vorsingen mit einem Dutzend schwerer Arien zu quälen — wie es allzu ängstliche Theaterleiter oder Kapellmeister zu tun pflegen — ergibt höchstens eine Kraftprobe, aber kein umfangreicheres Bild seiner Fähigkeiten oder Mängel. Im allgemeinen entscheiden die ersten Minuten schon eine positive oder negative Bewertung. Der Mangel an künstlerisch hochwertigen Kräften macht bei uns das Anfänger-Vorsingen und -Vorspielen zu einer ständigen Einrichtung, die vor allem dazu dient, einen möglichst großen Ueberblick über den vorhandenen Nachwuchs zu gewinnen. Alle Musikstudierenden und alle diejenigen, die ihre gesanglichen oder instrumentalen Fähigkeiten unter Beweis stellen wollen, werden zu diesen Vorsingen eingeladen und vom Kulturbundleiter und seinen Mitarbeitern beurteilt. Die Urteile, die auch schriftlich gegeben werden, dienen als Grundlage etwaiger in späterer Zeit nochmals erfolgender Vorsingen und ergeben eine günstige Vergleichsmöglichkeit im Hinblick auf Fortschritte, Entwicklung usw. Man überläßt dem Vorsingenden oder Vorspielenden die Wahl der Stücke; man nimmt es ihm nicht übel, wenn er sich gerade das Schwerste für ein erstes und ängstliches Vorsingen aussucht und dadurch noch viel schlechter ab- 73