Pult und Bühne
- Journal
- Pult und Bühne
- Volume
- 1938
- Article
- Lutz Weltmann: Kritik und jüdisches Theater
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 61 (sequence 2)
- Language
- German
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andererseits wird manchen Kollegen die Versuchung kitzeln, durch solche Lobeserhebungen die Besucherzahl des Kulturbund-Theaters zu erhöhen, und er wird überzeugt sein, ein gutes Werk zu tun, indem er so dessen Bestand festigt . . . und sei es unter Opferung der eigenen intellektuellen Rechtschaffenheit. Diese — begreifliche — Einstellung ist aber falsch. Es gibt beim jüdischen Theater Versager im einzelnen wie bei jedem anderen Theater, und das jüdische Publikum, das auf der einen Seite sehr dankbar ist, ist auf der anderen auch sehr kritisch; es wird also um so enttäuschter sein, wenn es sich durch eine — sei es im Lobe übertreibende, sei es im Tadel zu schonende — Kritik getäuscht sieht. Wenn nun noch die Erfahrung lehrt, daß das jüdische Publikum solche Schonung ohnehin voraussetzt und bei einem eingeschränkten Lob des Kritikers schon annimmt, es sei wohl ein rücksichtsvoller Tadel, so ist damit schon angedeutet, wie die Tätigkeit des Kritikers sich bereits dadurch gewandelt hat, daß er für ein besonderes Publikum schreibt. Wie ist es nun mit der Haltung des Kritikers gegenüber dem jüdischen Schauspieler bestellt? Die hat nun eine, gewisse Aehnlichkeit mit einer Theaterkritikertätigkeit in der Provinz. Die größere Nähe und das Fehlen der Konkurrenz verwischt ein wenig die Grenzen des privaten Menschen und des Künstlers Soundso. Es ist ein Rahmen gesteckt, der die Bewegungsfreiheit des Kritikers beträchtlich einengt. Es liegt Größe darin, einen Cezanne zu bewundern, der über seinei heiligen Werkbesessenheit selbst das Begräbnis seiner Mutter versäumte, aber man kann wohl ohne falsche Verallgemeinerung sagen, daß solche rigorose Einstellung eines jüdischen Kritikers Sache nicht ist. Sein soziales Gewissen übertönt meist solche Anwandlungen, um wie viel mehr heute, wo ihm die soziale Existenz von gefährdeten Brüdern mitanvertraut ist. Aber wie die Provinzschauspieler die Stätten ihres Wirkens nicht nur wegen ihres wachsenden Ehrgeizes verließen, sondern auch, weil ihnen allmählich vor lauter guten Kritiken übel wurde, so braucht auch der jüdische Schauspieler des Kulturbundtheaters die Reibung, den Ansporn, die Spannung durch die Kritik. Es gilt in einer Zeit allgemeiner Berufsumschichtung die letzte Auslese berechtigter Künstlerschaft zu schaffen. Wir sind heute, Schaffende und Betrachtende, eine große Gemeinschaft. Eine große Familie, wenn man so will und die Gefahr besteht, daß wir ein wenig zu familiär werden. Die Raumknappheit zwingt zum Beispiel den kritischen Berichterstatter häufig dazu, genau zu überlegen, welche Leistungen er in seiner Krtiik nennen soll und welche nicht; denn sie soll ja zu keiner Aufzählung ausarten. Es gilt also genau abzuwägen, wann selbst Gutes dem Besseren zu Ol