Pult und Bühne
- Journal
- Pult und Bühne
- Volume
- 1938
- Article
- Lutz Weltmann: Kritik und jüdisches Theater
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 62 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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weichen hat. Das Ergebnis ist aber meistens, daß der Nichterwähnte den Kritiker empört anruft. Oder eine Feststellung, daß Frau X. für die und die Aufgabe nicht die geeignete Besetzung war, wird bereits als „Verriß" empfunden und hat, auch wenn in der gleichen Kritik eine Verbeugung vor ihrer Begabung erfolgte, den gleichen Telefonanruf zur Folge. Lobt man aber gar einen nicht dem Ensemble angehörigen Gast und hat man mit der öffentlichen Belobigung seine Schuldigkeit getan, so wird noch überdies an den Kritiker das Verlangen gerichtet, sich noch persönlich für eine feste Anstellung im Kulturbundensemble zu verwenden. Dergleichen habe ich früher weder während meines kritischen Wirkens in Berlin noch in einer großen Reichsstadt erlebt. Diese Erscheinung ist also ein jüdisches Spezifikum, das wir nicht schnell genug abschaffen können. Kritikertum ist von Menschentum nicht zu trennen. Das Menschentum hat sich beim jüdischen Kritiker heute mehr zu bewähren denn je. Es gibt ein Wort, das zugleich der Musik wie den menschlichen Beziehungen angehört: Takt! Auch der Kritiker hat seine Instrumente und seine Stimmen, die er dirigieren muß. Sein Ensemble ist die Summe seiner Kritiken. Er kommt in gleicher Weise aus dem Takt, wenn er eine Kulturbundaufführung mit Superlativen bedenkt wie früher keine Glanzleistung Reinhardts oder Brahms (siehe oben!) oder wenn er jüdische Menschen von Fleisch und Blut vor den Kopf stößt. Eine Kritik der Kritik ist die Frage nach des Kritikers Taktstock. # 62