Pult und Bühne
- Journal
- Pult und Bühne
- Volume
- 1938
- Article
- Max Nußbaum: Kultur und Religion
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 36 (sequence 3)
- Language
- German
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Leben unseres Volkes in der Diaspora geradezu ein klassisches Beispiel darstellt für das Hinzukommen historischer, umweltbedingter, nicht a priorischer Elemente, die sich mit tiefen Konturen in das Gesicht des jüdischen Volkes eingegraben haben. Die Frage der jüdischen Melancholie, des Mollcharakters der jüdischen Musik gehört z. B. in diesen Fragenkomplex. Die Diskussion um die Besonderheit der Mendelssohn' sehen Musik in ihrer Unterschiedlichkeit zum heroischen Wurf Wagners, zur Dämonie Beethovens und zur Romantik Schuberts müßte von dieser Ebene her ihren Ausgangspunkt nehmen. Aber auch das dritte, das dialogische Element weist bei uns Juden einen Sondercharakter auf. Bei allen Völkern der Welt erschöpft sich der Dialog im Gespräch zwischen Volk und Volk. Da bei uns Juden schon das Urelement ein religiöses ist — d. h. ein auf den Kosmos bezogenes — begnügt sich das dialogische Element der jüdischen Geschichte nicht mit der Aussprache zwischen Volk und Volk, sondern schließt vielmehr erst ab in einer dialogischen Apotheose zwischen Volk und Gott. So rundet sich der Kreis. Und alles, was bei anderen Völkern nur Teilgebiet ihrer Kultur darstellt, wird bei uns zur letzten substantiellen Verankerung. Während bei den Anderen das religiöse Element höchstens ein wichtiger Zusatzbestandteil eines kulturellen Inventars wird, umfaßt das religiöse Leben des Judentums die Totalität des menschlichen Seins. Religion ist bei uns nicht ein Kulturgebiet neben Alltag,Zivilisation,Wirtschaft, Recht, Philosophie, bildender Kunst und Musik, sondern zunächst und gleichzeitig Ebene und Ueberbau für all diese Teilgebiete volklichen Daseins. Ueberspitzt formuliert, ist bei uns Juden Religion das, was bei allen Änderen Kultur ist. Es wird deshalb keine jüdisch-autochthone Kultur geben können, die auf diese psychisch-nationale Substanz des jüdischen Volkes verzichtet, oder sie wird aufhören, eine organische Fortentwicklung jüdischer Geistesentwicklung zu sein. Man kann gewiß den Versuch machen, die eine oder andere Form der Religion abzustreifen oder neu hinzuzugewinnen. Man kann die Dogmatik für unzeitgemäß erklären oder sie wesentlich reduzieren. Dies ist unerheblich. Wichtig ist, daß die Religiosität - d. h. die religiöse Verwurzelung des j ü d isch - p sy chi sehe n Urelements, die Gottbezogenheit des jüdisch-volklichen Wesens, nicht übersprungen werden darf. 36