Pult und Bühne
- Journal
- Pult und Bühne
- Volume
- 1938
- Article
- Max Nußbaum: Kultur und Religion
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 35 (sequence 2)
- Language
- German
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Individualismus — zwar kulturell, aber nicht religiös schöpferisch waren. Mit der Herrschaft des Individuums in der Welt ging die Hierarchie der Religion verloren. Und es ist ferner kein Zufall, daß die Romantik, welche wieder bei den Begriffen „Volk" und „Gemeinschaft" anknüpfte, auch religiöse Klänge ertönen ließ. Es ist nach all dem Gesagten klar, daß sich die beiden Sphären nicht zu berühren brauchen. Auch wenn man den Standpunkt einer ethischen Kultur vertritt — also die Forderungen sittlicher Gerechtigkeit als alleinigem Maßstab für Individuum und Volk aufstellt — müssen sich die beiden Linien nicht notwendigerweise treffen. Die in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts in den westeuropäischen Ländern existierenden „Gesellschaften für ethische Kultur" hatten deshalb auch eine sittliche Höherbildung gefordert — aber unter Betonung der religionslosen Voraussetzung. Es kann also eine völlig unreligiöse, säkularisierte Menschheitskultur geben. Religion fängt dort an, wo die Philosophie aufhört. Religion ist Zusätzlichkeit. Man kann sie akzeptieren oder verneinen. Die Sphäre der Kultur bleibt hiervon unberührt. IL Dies gilt für alle Völker der Welt — mit einer einzigen Ausnahme: des jüdischen. Und dies aus einem Grunde. Man nimmt allgemein in der Völkerpsychoologie die Existenz eines psychisch-nationalen „Ich" bei jedem Volke an. Ein solches „Ich" setzt sich erstens aus einem Ure 1 e m e n t zusammen, mit dem jedes Volk a priori in die Welt hineingeboren wird, ferner einem historiologischen Element, welches ein Volk auf Grund seiner schicksalsmäßig-geschichtlichen Entwicklung hinzugewinnt, und schließlich einem dialogischen Element, welches aus den Begegnungen und Gesprächen mit den anderen Völkern resultiert. Wir Juden unterliegen demselben völkerpsychologischen Gesetz. Aber mit letzter Gewißheit läßt sich sagen, daß das Urelement der jüdischen Psyche ein religiöses ist. Dies hat nichts damit zu tun, ob der einzelne Jude eine positive oder negative Einstellung zur Religion hat. Das Urelement der jüdisch-nationalen Volks psyche ist ein religiöses. Wer an dieser Tatsache vorbeigeht, versperrt sich jeden Zugang zur Erklärung jüdisch-historischer Phänomene. Das historiologische Element trägt bei uns Juden ebenfalls einen gesonderten Charakter, weil das 2000jährige 35