Pult und Bühne
- Journal
- Pult und Bühne
- Volume
- 1938
- Article
- Max Nußbaum: Kultur und Religion
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 37 (sequence 4)
- Language
- German
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III. Kultur ist Lebensgestaltung. Diese Definition hat auch für uns Juden ihre Richtigkeit. Im Judentum hat es aber nur eine einzige Form der Lebensgestaltung — genauer, nur eine einzige gestaltende Lebenskraft —> gegeben. Und dies war die Religion. Ueberall, wo es einen jüdisch-geistigen Aufbau gibt, wird man deshalb hier anknüpfen müssen. Eine neu entstehende jüdische Kultur, die von dieser Ebene absieht, ist schlechterdings undenkbar. Das moderne Judentum würde sonst erst mit den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts anfangen, und es wäre eine ungeheure Armut, die wir aufzuzeigen hätten. Es würde Verleugnung des jüdischen Wesens bedeuten, und in diesem Zusammenhang wäre auch ein jüdisch-nationaler Staat ohne jede welthistorische Bedeutung — gleich vielen ähnlichen Gebilden in der Welt. Unsere übermenschlichen Anstrengungen würden kaum lohnen ... Religion ist ein Gemeinschaftsprodukt. Dieses Gesetz ist allgemeiner Natur und gilt ebenfalls für uns. Individualistische Epochen stellen auch im Judentum einen religiösen Rückgang dar. Die kollektiven Geschichtszeiten sind gleichzeitig religiös durchtränkt gewesen. Wer deshalb mit aufmerksamen Augen die Entwicklung der jüdischen Religiosität in unserer kollektiven Renaissancezeit beobachtet — in den Ländern der Galuth, besonders aber in Palästina — mit allen dort vorhandenen negativen Vorzeichen und den kaum greifbaren positiven Resultaten, wird mir Recht geben, wenn ich sage: Es ist noch ein weiter Weg bis zu diesejm totalen Endziel, aberesläuftgesetzmäßigund notgedrungen darauf hinaus. Die Juden der Galuth befinden sich in der Kampfzone der jüdischen Renaissance und dringen manchmal zu den letzten Dingen noch nicht vor. Aber dies ist eine Frage der Zeit und nicht des Prinzips. Besonders aber wird das palästinensische Judentum, für das der Zionismus eine bereits verwirklichte Weltanschauung darstellt, zu einem naheliegenden Zeitpunkt entdecken müssen, daß ein Volk ohne letzte Ideale nicht leben kann. Religion ohne Volk ist — um einen Satz Kants zu variieren — gewiß leer, aber ein jüdisches Volk ohne Religion ist blind. Eines Tages wird der Vorstoß vom Rein-Nationalen ins Ethisch-Religiöse unternommen werden müssen. Es ist das Gesetz, unter dem wir angetreten waren . . . Kultur und Religion — für uns ein Pleonasmus. Religion i s t für uns Kultur und unsere Kultur religiös bestimmt. 37