Pult und Bühne
- Journal
- Pult und Bühne
- Volume
- 1938
- Article
- Max Wiener: Der jüdische Vortrag
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 32 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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der künstlerischen Darbietung, sei es Bühne oder Konzert, Teilhabe am schöpferischen Leben schlechthin, in dem Sinne nämlich, wie die Kunst es spiegelt. Dahinter tritt das Denken über das Leben zurück. Das ist eine Grundtatsache, die wir hinzunehmen haben. Wir wollen also jene Kreise nicht verwirren, uns vielmehr fragen, was innerhalb der Gruppe „Vortrag" billigerweise zu verlangen ist. In der jüdischen Bildungsgeschichte nimmt der Vortrag eine andere Stellung ein als anderswo. Jüdische Bildung war auch da, wo sie wirklich in die Breite des Volkes einging, das Schöpfen aus den Quellen. Der Gelehrte wußte davon mehr als der Ungelehrte, aber die Grenzen zwischen diesem und jenem waren doch gar nicht scharf gezogen, und so fand der Talmid chacham, der Gelehrtenjünger, immer verständnisvollen Widerhall. In der Tat, jeder, der soviel Wissen besitzt, um zwischen diesem und Nichtwissen unterscheiden zu können, fühlt, wie unendlich Erkenntnis aus der Quelle derjenigen aus zweiter Hand, aus dem Reden oder Hören über die Quelle, überlegen ist. Für unmittelbare Anschauung gibt es keinen Ersatz, und schon ein Nippen am ursprünglichen Born gibt mehr Aufschluß als ganze Bücher über . . . Aber das war einmal. Und so ist unser Vortrag, der einen knapp umrissenen Bericht über eine allgemein geschichtliche, religiöse oder philosophische Frage geben will, gleichsam Ersatz des Ersatzes. Darin besteht seine Schwierigkeit, in der Ferne von der durch ihn beschriebenen Wirklichkeit. Und vielleicht wird dieser Abstand noch größer, je vollkommener in sich dieser Vortrag wird, das heißt, je mehr er selbst künstlerische Form annimmt. Man kann Reden über geschichtliche Persönlichkeiten hören, durch welche wir entzückt, hingerissen werden. Und mit vollem Recht. Nur fehlte für den Kundigen die wahrheitsgetreue Darstellung des Originals. Es ist gleichsam ein historischer Kurzroman. Wie man ja auch ein Porträt wunderbar gelungen finden kann, solange man die Person nicht kennt, die es darstellen soll. Das soll der Vortrag nicht. Seine Domäne ist die Wahrheit des wirklichen Lebens, soweit sich solche Wahrheit in das Netz beschreibender Worte einfangen läßt. Ja, er soll geradezu durchscheinen lassen, wie fern jede, auch die in sich beste beschreibende Darstellung, ihrem Gegenstande bleibt. Es gibt einen klaren Unterschied zwischen der Wissenschaft, zu der auch unsere gemeinverständliche Vortragsarbeit gehört, und der Kunst. Was diese schafft, ist immer in sich abgeschlossen, ein organisches Ganzes, das durch sich selbst allein lebt, keines Kommentars bedarf, eine Welt für sieht ■y>