Pult und Bühne
- Journal
- Pult und Bühne
- Volume
- 1938
- Article
- Max Wiener: Der jüdische Vortrag
- Date
- 1938-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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ist. Alle wissenschaftliche Erkenntnis aber ist grundsätzlich Fragment, weist nach rückwärts und vorwärts, nach Zusammenhängen ins Unendliche, entläßt den Wissenden immer mit dem Gefühl, daß es da noch tausend Unklarheiten gibt, die aufgehellt werden müssen. Daher ja auch die sozusagen moralische Wirkung der Wissenschaft es ist, den Menschen in einem bescheiden und strebend zu machen. Diesen Charakter darf auch der Vortrag, dieser ferne Ausläufer ernstgemeinter Wissensvermittlung, nicht verlieren. Und bei dem jüdischen wird das besonders zur Pflicht. Er muß doppelt reizen und doppelt unbefriedigt lassen. Er muß dem Hörer plausibel machen, wie wenig er bieten kann, wenn gar keine Anschauung des Ursprünglichen, Quellenmäßigen mitgebracht wird. Und er muß durch den Gehalt dessen, was er gibt, dazu anlocken, in noch so bescheidenem Maß den Versuch bei den Quellen selbst zu machen. Nichts ist so unlohnend, so enttäuschend, als seine Bildung aus einer Fülle von Vorträgen zu beziehen, die über alle Dinge zwischen Himmel und Erde handeln, nichts so fruchtbar, als da und dort zum Weiterdenken, Weitersuchen angeregt zu werden. Der jüdische Vortrag will nicht die Wißbegier nach dem Kuriosen befriedigen, sondern er steht immer im Zeichen der eigenen Sache. Wir werden von heute auf morgen jüdisches Wissen nicht zum Gemeingut machen. Aber jeder Einzelne in unserm Kreise, der aufgelockert wird, der nicht fertige Erkenntnis — gehört wie gedruckt — nach Hause trägt, sondern im Bewußtsein seiner Unwissenheit zum Streben nach Erkenntnis erschüttert wird, ist ein Gewinn. Der kleinste der drei Kreise unsrer Freunde ist nicht der unwichtigste. Links: Otto Bernstein Rochts: Anneliese Landau