Pult und Bühne
- Journal
- Pult und Bühne
- Volume
- 1938
- Article
- Kurt Singer: Vom Werden einer Oper
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 23 (sequence 10)
- Language
- German
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und wird nur dann, wenn er von der Natur aus schauspielerisch hochbegabt ist, selbst durch die Zwangsjacken der Einstudierung hindurch von der Mechanik zur Selbständigkeit gelangen. Ein Zug Entpersönlichung ist sein Schicksal. Als Typ des Liebhabers oder Helden, Intriganten oder Chargenspielers klischiert, meist in der Stimmlage festgelegt, muß er die tänzerische Gebärde aus dem Rhythmus der Musik auffangen und im Ton seelischen Ausdrucks verankern, Letzten Endes ist die Schönheit und der Reiz einer Stimme so wesentlich für jedes Publikum und so entscheidend für den Erfolg einer Oper, daß es schon besser ist, einen Belcantisten als Hampelmann, denn eine leidenschaftliche schauspielerische Begabung ohne Stimme auf der Opern-Bühne erscheinen zu lassen. Der wirkliche Sänger, der vor dem ersten Schritt auf die Opern-Bühne meist nicht viel gelernt hat, dazu durch Text, Atem, Spiel, Licht, Schminke und Partner gehemmt ist, muß ein singender Mensch sein, um Werken der Weltliteratur zu ihrem Recht zu verhelfen, nicht aber eine menschliche Singstimme. Das ist die ideale Forderung, die zu allen Zeiten und in jedem speziellen Fach der Opern-Singekunst schon einmal einen idealen Vertreter gefunden hat. Ich weiß wohl: ich habe die Statisten vergessen und den süßen Labsal für die Sinne des Opernpublikums, das Ballett. Aber wir plaudern hier, geben keinen absoluten Ausschnitt aus der Arbeit der Opern-Bühne. Das Ballett wird immer eine reizvolle, entzückende, liebliche Zutat zur Arbeit des Regisseurs sein und wird gerade in der Spieloper oder gar in der Operette seinen choreographischen Sinn beflügeln. Noch lange ist die Premiere nicht gesichert. Die Künstler wollen angezogen sein, ihr nicht immer sehr ausdrucksvolles Gesicht muß durch Schminke und Perücke vergeistigt und individualisiert werden, die gesamte Maschinerie der Bühne, mit Scheinwerfern, Rampenlicht, weißen und bunten Strahlen, wird auf die Szene und ihre Menschen losgelassen, damit aus dem kalten Nebeneinander ein warmes, einheitliches Gemisch werde. Tische und Stühle, Vorhänge und Treppen, Blumen und Bänder, Bücher und Zeitungen, Hüte und Handschuhe, werden einzeln in die Folge der Szenen und Auftritte hineingearbeitet, die Zeichen notiert, bei denen Vorhänge auf- und niedergehen sollen, ausprobiert, in welchem Takt ein Solist den Weg von der Seitenkulisse auf die Bühne zu gehen hat, um im richtigen Augenblick dazustehen und richtig einsetzen zu können. Aus dem Spiel der einzelnen muß ein Spiel der Gesamtheit werden, und der Blick soll auch noch vom Kapellmeister weg so gelenkt sein, als ob eine Führung nicht mehr nötig ist. Aber ach: am Abend der Premiere ist die Primadonna heiser, der Liebhaber nervös, die Soubrette verschnupft, der 23