Pult und Bühne
- Journal
- Pult und Bühne
- Volume
- 1938
- Article
- Kurt Singer: Vom Werden einer Oper
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 9)
- Language
- German
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und psychologischen Vertiefung jeder einzelnen Reaktion fortzuschreiten. Zu gleicher Zeit beginnt der Kapellmeister mit dem Orchester seine Arbeit. Nach einer gewissen Zeit der technischen Vorarbeiten rücken dann die beiden Instanzen, Regisseur und Kapellmeister, im Bunde mit Bühnenbildner und Maschinerie-Leiter zur gemeinschaftlichen Arbeit vor. Das heißt: es wird auf der Bühne nicht mehr mit Klavier, sondern mit Orchester geprobt. Hier dominiert das kapellmeisterliche Element. Es gab eine Zeit, wo der Typ des Generalmusikdirektors den gesamten Apparat an sich riß und damit aus den Fugen brachte. Es gab eine Zeit, wo man nicht mehr von einem Werk Mozarts, Verdis oder Strauß' sprach, sondern von dem „Rosenkavalier" Kleibers, von der „Aida" Blechs, von der „Entführung" Walters. Zugegeben muß auch heute werden: die Aufführung selbst hängt fast gänzlich an der Konzentration, dem Stilwillen, der technischen Bravour und der Geistesgegenwart des Kapellmeisters. Jeder Takt bedeutet eine Gefahr, eine Gefahr des Zusammenklangs, der tiefsten Verbindung von Bühne und Orchester, von Szene, Ton und Wort. Die Stimmung des Ablaufs ist fast völlig in die Hand des Kapellmeisters gegeben. Der Leiter einer Opern-Aufführung ist nicht mehr, wie noch vor einigen Jahren, der tänzerische Hauptdarsteller des Werks, sondern der Begleiter. In den Vorproben, nicht in der Aufführung, liegt seine große Kraft und künstlerische Fähigkeit. Das Spezialistentum hat sich hier nicht bewährt. Wenn er mit dem Regisseur und Bühnenbildner im Bunde alles tut, was in der Partitur steht, und nichts, was an Auffassung in sie hinein interpretiert wird, so wird er am besten das Werk deuten. Die Interpretation einer Oper durch Kapellmeister und Regisseur muß mit dem Schöpferwillen eins sein, eine Aufteilung der Funktionen muß in der Vorbereitung schon aus technischen Gründen erfolgen: dann aber muß ein Wille, ein Geist, eine Stimmung herrschen, und als Grundgesetz muß der Wille und das Genie des schöpferischen Menschen gelten. Der gute Kapellmeister weiß, daß das Orchester imstande ist, Stimmen zu erschlagen, daß es den Text unverständlich machen kann: er wird im sinfonischen oder begleitenden Stil niemals das Orchesterspiel zum Selbstzweck machen, wird versuchen, hinter der Einheitlichkeit der Aufführung als Person zurückzutreten. Als letzte Instanz, als wichtigste zugleich, stellt sich dem Publikum der Sänger als Objekt des szenischen Spiels dar. Er ist ein Teil-Element der Bühne, in Bewegung und in der Mimik durch den Regisseur, im Text durch den Dichter, in der Musik durch die Partitur genau und in jeder Nuance des Tonfalls festgelegt. Er hat wenig Freiheit zum Handeln 22