Pult und Bühne
- Journal
- Pult und Bühne
- Volume
- 1938
- Article
- Kurt Singer: Vom Werden einer Oper
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 24 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Buffo wütend> weil ihm im letzten Augenblick noch ein da capo gestrichen worden ist. Friseure und Garderobiers rennen hin und her. Der Requisiteur zerbricht einige notwendige Gläser, der Inspizient stellt fest, daß die Klingel zu den Garderoben nicht funktioniert. Die eine Garderobe ist überheizt, die andere eiskalt, in geheimer Minute schminkt sich die Mütterdarstellerin auf jung, und dem Liebhaber platzen die Hosen. Durch das Guckloch des Vorhangs sehen wir nicht nur die Bekannten, die gekommen sind, um in jedem Falle zu klatschen, sondern auch die ewig meckernden Geister, dicht daneben die Herren von der Presse. Die letzten Minuten verbringt der Regisseur damit, auf die Fehler der Generalprobe hinzuweisen, der Korrepetitor und der Kapellmeister sängen ihren männlichen und weiblichen Primadonnen noch einige Themen in angeblich sauberer Form vor. Inzwischen stürtzt eine Kulisse um, und durch Unvorsichtigkeit zerreißt ein Vorhang. Der Maschinerie- Direktor wirft alles, was noch lebendig vor Aufregung ist, von der Bühne herunter, die Feuerpolizei kontrolliert, daß nicht geraucht wird, der Chef des Hauses markiert absolute Ueberlegenheit und Ruhe, und einige Wichtigmacher gehen im weißen Mantel über die Bühne, um zu zeigen, daß auch sie da sind. Draußen vor dem Vorhang ein unheimliches Murmeln, aus dem die Gutwilligen bereits einen Erfolg, die Böswilligen den Durchfall konstatieren, ohne daß auch nur ein einziger Takt gespielt worden wäre. Zu guter Letzt kommt verzweifelt der Orchesterdiener und teilt mit, daß die Lampen an den Pulten nicht brennen. Wenn auch dieser Schaden beseitigt ist, gehen die Künstler, denen ein kollegialer Sinn geblieben ist, aufeinander zu und bespucken sich. Das gleiche tut der Intendant mit dem Kapellmeister, der Kapellmeister mit den schönen, der Regisseur und Intendant auch mit den weniger schönen Damen, der Inspizient mit den Ballettmädchen, die Ballettmädchen mit den Liebhabern, die Liebhaberinnen mit den Bühnenarbeitern. In diese Kuß-Polonaise hinein tönt schrill das Zeichen zur Ruhe. Der Kapellmeister ist ans Pult getreten. Die ersten Takte der Ouvertüre klingen hoch. Alles sammelt sich, alles ist eins in dem Willen, mit letzter Aufbietung aller gesanglichen, körperlichen und Nervenkräfte dem Werk zum Erfolg zu verhelfen. Ein letzter Ruf des Theater-Direktors. Ein Gongschlag. Ein einziges kollektives Herzklopfen auf der Bühne. Premiere — „macht fort, das Spiel kann beginnen!" * 24