Pult und Bühne
- Journal
- Pult und Bühne
- Volume
- 1938
- Article
- Kurt Singer: Vom Werden einer Oper
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 20 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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allgemein kulturellen Zeichen der Zeit, sondern ein ganz spezifisches Vermögen, Wort, Szene, Handlung und Musik aus einem einheitlichen Geist heraus zu verstehen und optisch nachzubilden. Ein guter Bühnenbildner beginnt seine Arbeit nicht, ohne die Musik einer Oper kennengelernt zu haben, zum mindesten vom Klavier her; er vollendet sie nicht, bevor er auf Proben die Intentionen des Regisseurs kennengelernt hat. Es gibt Fälle, in denen der Spielleiter auch ohne Kenntnis, oder besser gesagt ohne rein musikalisches Verständnis Opern inszeniert, und zwar gut inszeniert. Das sind die Schauspiel-Regisseure, die gerade in den letzten Jahrzehnten den Mangel ihrer Partitur-Vertrautheit wettgemacht haben durch ein besonders starkes Verbundensein mit der schauspielerischen Geste und Bewegung. Das hat lange Zeit den von der Musik her kommenden Regisseuren gefehlt. Im ganzen sind diese Fälle der Schauspiel-Regisseure mit einem Instinkt für die Musik und deren Umformung in die Bewegung und Handlung Glücksfälle. Der wirkliche Opern- Regisseur muß aus der Partitur heraus inszenieren, aus dem Geist der Musik. Nicht daß er Gebärden, Stellungen, Bewegungen erfindet für eine gewisse schnelle oder langsame, pathetische oder dramatische Musik ist das Wichtige oder Richtige, sondern daß er aus dem Rhythmus und Klang der Partitur heraus handeln läßt. Gewiß schadet ein besonderer Einfall im Szenischen nicht, ja er kann geradezu eine veraltete oder verstaubte Oper retten. Aber das bleibt Kunstgewerbe. Nicht Bewegung im Äeußeren, sondern Bewegung und Erregung im Innern soll der Regisseur auf der Bühne schaffen, nicht notengetreu im Verfolg des Klavier-Auszugs, aber aus dem Geist und dem Sinn der Musik heraus. Die Handlung muß verstanden und muß selbst bei minderwertigem Text den Menschen glaubhaft werden. Das Bild und die Szene sind ja die Elemente, die den Zuschauern auch dann lebendig bleiben müssen, wenn sie sich in die Wesenheit der Musik nicht einfühlen können. Es ist das Paradoxe in der Arbeit eines guten Regisseurs, daß er das Leben auf der Bühne mit und durch und gelegentlich auch trotz Musik als ein Wahrhaftiges im Spiel und Gegenspiel der Menschen lebendig werden lassen muß und gleichzeitig bei aller seiner Arbeit hinter dem, was Musik und Text geben, zurücktreten soll. Es ist auf allen Gebieten der naturalistischen und stilisierten Regieführung im Laufe der letzten 20 Jahre so viel Positives gearbeitet worden, daß immer wieder neue befruchtende Anregungen von der Seite der Regie auf die Gesamtwirkung einer Oper lebendig blieben. Die individuell betonte Regieleistung als solche ist, wenn sie sich nicht etwa in einem heiteren oder grotesken Werk bewähren will, immer von Hebel. Das Ideal des Opern- 20