Pult und Bühne
- Journal
- Pult und Bühne
- Volume
- 1938
- Article
- Kurt Singer: Vom Werden einer Oper
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— ahnen auch wir nichts. Geheimnis überall. Eine Aufführung macht dieses geheimnisvolle Wunder nur noch größer. Denn jetzt erst erfassen wir ganz: die Oper hat sich alle anderen Kunstgattungen einfach unterworfen und zu Dienern gemacht: die Musik triumphiert. Aber die Götter von Bild und Tanz, Licht und Sprache verhüllen nicht ihr Haupt: sie neigen sich nur, glücklich, dienen zu dürfen, dem lebendigen und starken, glühenden und sachlichen, nervösen und beruhigenden, prunkvollen und einfachen, tragischen und heiteren, geistigen und sinnlichen Kunstwerk: Oper. Damit allein wird sie zum kompliziertesten und paradoxesten aller Kunstwerke, beglückend durch das Schwebende, Ruhelose, Unaufgeklärte ihres Schicksals in den Jahrhunderten. Wir lieben sie darum. Trotz aller Unmöglichkeiten. Und sehen vor diesem lichten Glanz die bunten Hintergründe des Betriebs nicht mehr. Denn nun beginnt Menschenhand, aus Göttlichem in der Schöpfung Nachschöpferisches auf der Welt der Bretter zu wirken. Jetzt endlich kommt das Tempo der Zeit und beflügelt, elektrisiert uns. Haben wir erst ein Werk lieben gelernt, so stürzen wir uns mit allen Kräften darauf und finden gerade noch Muße, die Arbeitsgebiete zu verfeilen. Der Verleger druckt, der Direktor macht den Vertrag. Gekauftes oder geliehenes Material, gedruckte oder abgeschriebene Noten (Pardon: der Kopist ist der Einzige, der abschreibt!), Pauschal-Summe als Honorar oder abendliche Tantiemen (8—10o/o der Einnahmen, zuweilen gar 15o/o). Die falschen Noten werden durch ein probeweises Durchspielen eliminiert, Striche angebracht, aufgemacht, erneuert, durchgekämpft gegen den Autor, für das Publikum. Eine Qual, hier mit einem lebendigen Komponisten zu ringen. Wir lassen ihn nicht, er segnet uns denn (und umgekehrt). Beim toten Komponisten hilft Ehrfurcht und alte Erfahrung, schnell die Wege des Erfolges wie der künstlerischen Anständigkeit gemeinschaftlich zu beschreiten. Das Orchester probiert allein, nicht nur die rein instrumentalen Partien, sondern auch die das Vokale begleitenden. Schon hier kann der Kapellmeister zeigen, ob er das Gefühl für den Stil des Werks hat, ob er Klänge differenzieren, dramatische Durchschlagskraft und lyrisches Empfinden aus dem Orchester herausziehen kann. Seine Fähigkeiten steigern sich (sollen sich steigern) in dem Augenblick, da — in einer Sitzprobe — die Solisten ihre Cantilene, der Chor sein kollektivisches Singen dem Orchesterklang entgegenstellen. Hier ist Kunst des Begleitens, Zurückhaltens, des Dämpfens und Steigerns, der Ausbalance alles. Inzwischen hat der Korrepetitor (der aber auch der spätere dirigierende Kapellmeister selber sein darf) mit den Solisten, der Chordirigent 18