Pult und Bühne
- Journal
- Pult und Bühne
- Volume
- 1938
- Article
- Kurt Singer: Vom Werden einer Oper
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 2)
- Language
- German
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leiten und führen, bis der Augenblick höchster vorbereitender Spannung, letzter Nervosität, äußersten Glücksgefühls erreicht ist: Premiere. Unter 70—80 000 Opern-Partituren, die in Archiven, Bibliotheken, Büros und Schreibtischen der Komponisten aller Welt lagern, gibt es keine hundert (die Operetten ausgenommen), über denen nicht von der Niederschrift der ersten Notenseite an bis zur endlich gewordenen Aufführung das Motto stehen könnte: von der Wiege bis zum Grabe. Gewiß: es gibt seit ein paar Jahrhunderten jährlich neue Opern-Premieren, und es gibt sogar serienweise Aufführungen von Opernwerken; aber auch Repertoire-Erfolge? Von den klassischen Meistern, den Schöpfern der Ewigkeitswerke abgesehen, halten nur wenige Komponisten von musikalischen Bühnenwerken den Rekord ihrer Aufführungen über ein halbes Jahrzehnt hinweg. Erst wenn ein Werk 4—5 Jahrzehnte lang das Herz der Menge bezwingt, immer wieder Nerven elektrisiert und das musikalische Gewissen befriedet — erst dann ist es in jene Reihe von 50 60 Opern eingegangen, die repertoire-bildend bleiben. Dazu gehört aus dem letzten halben Jahrhundert außer Puccini „Cavalleria" und „Bajazzi", etwa „Tiefland", „Boris Godunow", „Rosenkavalier", „Salome", „Mona Lisa". Diese größte Probe haben selbst einst so beliebte und immer wieder hervorgeholte Werke wie „Jenufa" von Janacek, „Wozzeck" von Berg, „Oedipus rex" von Strawinsky, „Evangelimann" von Kienzl, „Neugierige Frauen" von Wolf-Ferrari, „Schwanda" von Weinberger e tutti quanti noch zu bestehen. Opern haben ihre Schicksale, ihre Kurven, ihre Zeiten, haben sie um so entscheidender, als zu diesen Schicksalen und Zeiten jener unwägbare, unmeßbare, wandelbare Faktor gehört, der sich Publikum nennt. Gleichbleibend in der Liebe zu der grenzenlosen künstlerischen Weite des Kunstwerks Oper entscheidet es sich, politisch und soziologisch geschichtet, einmal für die Spieloper, einmal für die repräsentative, begeistert sich in Italien anders als in Deutschland, in Frankreich anders als in Amerika für das Vorrecht der Musik, des Dramas, der glänzenden Aufmachung, des Starwesens, des Ensemble-Geistes, des feudalen Glanzes, der volkstümlichen Einfachheit. Jede Oper in jedem Welt-Zentrum hat ihr anderes Publikum, und jedes Publikum hat andere Lieblinge der Oper. In einem aber gleichen sie sich alle, nämlich in der End-Abrechnung des Defizits. Hier ist die Einheit gefunden, über die kein Kopfschütteln von Staats- oder Gemeinde-Häuptern hinweghilft: im Subventionszwang. Und in dem anderen Faktor, der die gleiche Gefahr der Schließung in sich schließt: der Einengung auf eine kleine, das halbe Hundert nur wenig überschreitende Zahl von Repertoire-Opern. Ein Operntheater, das wechselnden Spielplan hat und jeden Tag spielt - überkom- 15