Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 12 (1911)
- Issue
- 11 (11.1911)
- Date
- 1911-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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228 No. 11 die Ermordung des Ministerpräsidenten durch einen Anarchisten jüdischer Abkunft zum Anlaß zu nehmen, um das blutige Progromgespenst heraufzubeschwören. Daß aber auch die Oktobristen, gewissermaßen die „Nationalliberalen" Rußlands, den Ton der Progromagitation anschlagen würden, wollte niemand recht für möglich halten. Und doch kam es so. Die Interpellation der Oktobristenpartei begann mit den Worten: „Der Jude Mordko Bagrow..." Als der jüdische Abgeordnete Nisselowitsch seinem Erstaunen darüber Ausdruck gab, daß die führende Partei der Duma in ihrer Interpellation die jüdische Abstammung Bagrows in ganz unmotivierter Weise so scharf betonen zu sollen glaubte, erteilte ihm der Führer der Oktobristen, Alexander Qutschkow, eine Antwort, die an Deutlichkeit hinter der Sprache Markows nicht zurückblieb. Outschkow rief ihm nämlich zu, er möchte doch seine Stammesgenossen lieber lehren, daß sie sich von der Revolution fernhielten. Nisselowitsch sah sich dadurch zu einer Replik veranlaßt, in welcher er die geistige Verwandtschaft zwischen den Oktobristen und der blutrünstigen Reaktion kennzeichnete. „Bis jetzt glaubte ich," erklärte Nisselowitsch, „daß nur die Angehörigen der Rechten bestrebt sind, mit jüdischem Blute jene Qrundsätze zu verwischen, die dem Manifeste .vom 17. Oktober historische Bedeutung verleihen, ich konnte aber nicht annehmen, daß auch die Oktobristen einen jüdischen Pogrom anstreben. Nun sehe ich, daß ich mich auch hierin getäuscht habe. Die Orenze zwischen Oktobristen und der „Rechten" ist offenbar ganz geschwunden." Das offene antisemitische Bekenntnis Qutschkows hat in weiten Kreisen Verwunderung hervorgerufen. Jedenfalls liegt in dieser wetterwendischen Haltung der pseudo-konstitutionellen Partei ein hochbedeutsames Symptom für die in maßgebenden Kreisen herrschende Stimmung. Die trlpolltanlscben Juden und der Krieg. Die italienisch - offiziöse „Agenzia Stefani" brachte die Mitteilung, daß der Qroßrabbiner von Tripolis nach Rom telegraphiert habe, er begrüße die Okkupation durch die Italiener. Diese Meldung beruht nach absolut zuverlässigen Informationen auf freier Erfindung. Der Qroßrabbiner der Türkei erklärt in einem an die Presse versandten Communique, daß die Meldung schon deshalb völlig unzutreffend sei, weil es weder in Tripolis noch in Benghasi einen Qroßrabbiner gibt. Diese Posten sind seit langer Zeit unbesetzt. Es fanden in der letzten Zeit Verhandlungen zwischen den jüdischen Qemeinden dieser beiden Städte und dem Qroßrabbinat Uber die Besetzung beider Rabbinate statt. Aber diese Verhandlungen haben noch kein Ergebnis gezeitigt. Wenn es wahr ist, daß der Präsident der Jüdischen Oemeinde in Rom ein derartiges Telegramm erhalten hat, wie die „Agenzia Stefani" behauptet, so kann es sich nur um das Werk eines Fälschers handeln. Kein Rabbiner, fügt Rabbi Haim Nahum hinzu, würde eine solche Schändlichkeit begehen, selbst wenn sein Leben bedroht wäre, da er wissen müßte, daß er nach unserem religiösen Gesetz mit dem Bann belegt werden würde. Der Medschlis dschismani sandte gleichfalls der Presse ein Communique zu, das im gleichen Sinne gehalten ist und in folgendem Passus gipfelt: „Angenommen selbst, daß irgendein Privatmann, sei es aus persönlichem Interesse, sei es unter der Pression der Italiener, so gehandelt haben sollte, so ist es natürlich, daß ein solcher Akt mit Verachtung von allen ottomanischen Juden angesehen werden wird. Der Laienrat beeilt sich, mit Stolz die Ergebenheit aller ottomanischen Juden an das Vaterland laut zu proklamieren und schon jetzt das vereinzelte Individuum, das etwa einen solchen Akt begehen konnte, nach QebUhr zu geißeln." Außer diesen Dementis sind Proteste von den Vorstehern sämtlicher Gemeinden der Konstantinopeler Stadtteile, von Vereinen und Korporationen,