Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 12 (1911)
- Issue
- 11 (11.1911)
- Date
- 1911-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 11 227 Herr Funck nicht, zu betonen, daß die Juden ihre Rechte als Staatsbürger fordern dürften, im übrigen aber sich restlos dem Deutschtum assimilieren müßten, und gab ihnen den Rat, diese Assimilation nach Möglichkeit zu beschleunigen. Der liberale Politiker ging sogar, so weit, die getauften Juden als zum Judentum gehörig zu zählen, wogegen sich dann Justizrat Blau in der Diskussion wandte, der erklärte, daß das Judentum zwischen sich und den Täuflingen eine scharfe Scheidegrenze ziehen müßte. Was diesmal an der Generalversammlung und den Reden der zwei liberalen Politiker besonders auffiel, waren die stellenweise stark übertriebenen Lobeshymnen, mit denen sie die deutsche Judenheit förmlich überhäuften. Zwischen diesen Schmeicheleien uns Juden gegenüber und den bald folgenden Reichstagswahlen eine Verbindung herzustellen, lag recht nahe. Als aber in der Diskussion ein Redner dieses Qefühl zum Ausdruck brachte und rundweg erklärte, die Liberalen lobhudelten den Juden, um ihre Stimme ber den Wahlen zu gewinnen, gab es eine furchtbare Entrüstung. Die Mitglieder des Vereins lärmten und protestierten, die Herren am Vorstandstische steckten den Kopf zusammen, doch statt der erwarteten Erwiderung wurde dem Redner das Wort entzogen. Ob die Meinung des Herrn berechtigt war oder nicht, ist gleichgültig; daß aber diese Wortentziehung weder vornehm noch klug war, ist ohne weiteres klar. Sonst bot die Diskussion ebensowenig interessante Momente wie die zwei Referate. Der Jahresbericht wurde genehmigt, der Vorstand per Akklamation wiedergewählt, und die Generalversammlung war zu Ende. Viel bedeutsamer und ernster war das andere Ereignis, das sich eine Woche später abspielte: die Konferenz zwecks Gründung eines Weltverbandes der Orthodoxie, der „Agudath Israel". Bekanntlich reichen die Versuche zur QrUndung einer solchen Organisation schon mehrere Jahre zurück, und bereits vor 2x/2 Jahren fanden im nahegelegenen Homburg mehrere Konferenzen maßgebender Persönlichkeiten der deutschen und russischen Orthodoxie statt, die über diesen Plan berieten. Aber erst jetzt ist in weiten orthodoxen Kreisen reger Eifer und Interesse für diesen Plan erwacht, ein Interesse, das sich in der orthodoxen Presse lebhaft kundgab. Nach vielen Einzelkonferenzen und Verhandlungen, die die ganze Zeit über stattfanden, wurde nun für letzten Sonntag nach Frankfurt eine Versammlung maßgebender orthodoxer Persönlichkeiten aus 2anz Deutschland einberufen, die den ganzen Tag währte. Ueber den Verlauf der Verhandlungen und die Beschlüsse, die gefaßt wurden, läßt sich nichts Sicheres erfahren, da die Konferenz hinter verschlossenen Türen tagte, kein Vertreter der Presse Zutritt erhielt und alle Teilnehmer zu absolutem Stillschweigen verpflichtet wurden. t Doch wird der Presse demnächst ein Communique über die ganze Angelegenheit zugehen, so daß wir Ja nähere Angaben erwarten dürfen. Antisemitismus in der russischen Duma. Nach viermonatlichen Ferien wurde am 28. Oktober die neue Session der Reichsduma eröffnet. In die Ferienzeit fielen die Kiewer Ereignisse. Man war daher in weiten Kreisen «espannt, wie die gesetzgebende Körperschaft des Reiches auf diese Ereignisse reagieren würde. Dazu kam, daß die meisten größeren Dumaparteien Interpellationen über die Ermordung Stolypins und über die Tätigkeit der stark kompromittierten Kiewer „Ochrana" (Lockspitzelorganisation der Geheimpolizei) angekündigt hatten. Die jüdische Bevölkerung hatte Orund zu befürchten, daß die Mehrneitsparteien der Duma die Gelegenheit benutzen würden, um eine Progromnetze von der Parlamentstribüne aus in Szene zu setzen. Man war sich von vornherein klar, daß die Nationalisten-Fraktion es nicht unterlassen würde,