Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 12 (1911)
- Issue
- 11 (11.1911)
- Date
- 1911-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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226 No. 11 sehen* Geistesleben eine antinationale Bedeutung habe, zurück und wies darauf hin, wie Schopenhauer und Hebbel, Otto Ludwig, Anzengruber und Wagner in sehr erheblichem Qrade durch das Eintreten jüdischer Literaten zu Wirksamkeit und Ruhm gelangt sind, und wie am Ruhme des großen Ooethe, von Rahel Varnhagens Zeiten bis auf Bernays' Begründung der Goethegesellschaft und Bielschowskys Goethebiographie Juden einen hervorragenden Anteil hätten. Die Juden hätten ihre Rolle im deutschen Geistesleben gespielt nicht obwohl, sondern weil sie Juden waren. Zum Schluß der Versammlung wurde folgende Resolution angenommen: „Der Verband der Deutschen Juden wiederholt die Entschließungen seiner ersten und zweiten Hauptversammlung und erhebt erneut dagegen Einspruch, daß die den deutschen Juden verfassungsmäßig gewährleistete Gleichberechtigung in wesentlichen Punkten durch die Verwaltung in ihr Gegenteil verkehrt wird. So werden jüdische Beamte in den staatlichen Verwaltungen und an den Universitäten zurückgesetzt, werden Juden von der Stellung des Offiziers und Reserveoffiziers ausgeschlossen, erfolgt durch Gewährung staatlicher Vorteile eine Belohnung des Glaubenswechsels. Ausländische Juden werden nur weil sie Juden sind, bei Gewährung des Aufenthaltsrechts und der Naturalisation schlechter als andere Ausländer gestellt. Der Verband erwartet von allen rechtlich denkenden Mitbürgern Unterstützung im Kampfe um das Recht, der zugleich Kampf ist für das Gedeihen des deutschen Vaterlandes. Vor allem fordert der Verband die deutschen Juden selbst zu tatkräftiger Arbeit an der Beseitigung des Unrechts auf: zu voller Einmütigkeit und Disziplin in den Abwehrbestrebungen, zu energischer Betätigung im politischen Kampf für die Gleichberechtigung." Der Verlauf der Versammlung bot ein erfreuliches Zeugnis für den unverkennbaren geistigen Aufschwung, für das Erstarken des Selbstbewußtseins in der deutschen Judenheit Brief aus Frankfurt a. M. Trotzdem erst kurze Zeit seit dem Beginn der Wintersaison verflossen ist, haben doch bereits zwei wichtige Ereignisse, deren Bedeutung weit über Frankfurts Mauern hinausreicht, stattgefunden- Sonntag, den 22. Oktober, fand die Generalversammlung des „Vereins x«r Abwehr des Antisemitismus" statt, und Sonntag, den 29. Oktober, tagte hier eine Konferenz zwecks Gründung eines Weltverbandes der Orthodoxie, der „Agudath Israel". Die Generalversammlung des Abwehrvereins, die recht stark besucht war und führende Persönlichkeiten der hiesigen Judenheit unter ihren Teilnehmern aufwies, trug denselben Stempel wie die ganze mehrjährige Tätigkeit des Vereins: guten Willen, der Uber platonische Erklärungen, löbliche Vorsätze und kraftlose Versuche nicht hinauskommt. Es wurden zwei Referate von recht angesehenen Politikern gehalten: ReichstagsabKeordneter Gotheln sprach über „Offenen und versteckten Antisemitismus" und Landtagsabgeordneter Funck über „Das Judentum im Kultur- und Wirtschaftsleben Deutschlands". Hervorragend war keines der Referate, w*~er inhaltlich noch der Form nach; das erste wenigstens rhetorisch recht wirksam, das zweite auch nach dieser Richtung unbedeutend. Beide Referate boten nichts Neues; das erste behandelte die alten, bis zum Ueberdruu wiederholten Klagen über die Zurücksetzung der Juden im Heere, Beamtentum usw., das zweite brachte den ebenso oft wiederholten Nachweis, da» die deutschen Juden auf allen Gebieten des geistigen und wirtschaftlichen Lebens eine große Rolle spielen usw. usw. Dabei unterließ es natürlicn