Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 12 (1911)
- Issue
- 11 (11.1911)
- Date
- 1911-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 11 221 Was unseren Sportabteilungen nottut.*> Die turnerische Leitung'dieses Blattes hat mich gebeten, eine technische Abhandlung über irgendein sportliches Gebiet zu schreiben. Nun, die Technik ist gewiß wertvoll, sie ist nicht nur das individualistische, sondern vor allem das verfeinernde Moment der sportlichen Betätigung, das der Ausführung immer neue Bahnen weist und dabei in seiner geradezu permanenten Unerschöpflichkeit einen zur inneren Leere führenden Stillstand nicht absehen läßt. Diese Qefahr liegt aber für die Sportabteilungen unserer Jüdischen Turnvereine (man darf wohl sagen leider) heute noch ganz und. gar nicht vor, und darum wird Jetzt die Einführung und Verbreitung sportlicher Technik der Bewegung kaum einen Nutzwert bieten, umsoweniger, als dagegen ziemlich wahrscheinlich andere zweckmäßigere Aufgaben würden zurückbleiben müssen. Vor der verfeinernden Theorie muß erst einmal die lebendige kompakte Praxis gegeben sein. Oder hätte es im analogen Fall des Luftsports etwa einen anderen als wissenschaftlichen Zweck (um den es unserer sportlichen Bewegung nicht zu tun ist), Theorien und Technik der Aeronautik zu verbreiten, solange noch keine Luftschiffe und Aeronauten da sind? Man meine nun nicht, daß der Umweg über das ohne Praxis trockene Qebiet der Theorie als Konzession für die grüblerische, zur Theoretislerung aller Vorgänge tendierende Eigenart unserer heranwachsenden Jugend seine Berechtigung habe. Wo diese Eigenart besteht, wird sie nämlich sicherlich anderwärts bessere Qenüge finden, und überdies läge in diesem Kunstgriff etwas von jener Geschicklichkeit, mit der der Bock zum Gärtner gemacht ward und der Teufel durch Beelzebub ausgetrieben werden sollte. Denn wenn man einmal den Sport als solchen als Nutzerscheinung werten will, so darf nicht zum letzten übersehen werden, daß gerade mit ihm in seiner frischen Lebendigkeit gegen unproduktives Grüblertum wohl das beste Gegengewicht gegeben ist. Mit Theorien wird man also bei denen, die es mit dem Beitritt zur Abteilung zum also gearteten Sporte treibt, keine Eroberungen machen können. Und wie der Sport selber frisch und natürlich ist, wird folgerichtig auch die Leitung am sichersten zu Werke gehen, die frisch und selbstsicher anpackend, ihre Entschließungen, von keinerlei kritischer Oedankenhlasse angekränkelt, zu treffen sich gewöhnt. Was nottut, ist frischer, fröhlicher Beirieb, immer wieder Betrieb. So weit ich die Verhältnisse kenne, haben es unsere Jüdischen Sportabteilungen, wenngleich intensiv und mit Begeisterung gearbeitet wurde, noch nicht gerade herrlich weit gebracht. Die Gründe liegen für den Kenner sportlicher Verhältnisse nicht allzu tief: es wird eben zu viel getastet, zu viel versucht, zu wenig Einheitlichkeit geschaffen, als daß sich ein imponierender, mitreißender Betrieb hätte gestalten können. Schuld an diesem Versagen trotz eifriger Arbeit mag die turnerische Schule sein; sind im Turnbetriebe erst einmal mit *) Wir geben diesen sehr beachtenswerten und lehrreichen Ausführungen «nes angesehenen Berliner Sportsmannes gern Raum, trotzdem sie an einigen Stellen, nicht nur vom turnerischen Standpunkt aus, Widerspruch fordern. D. Red.