Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 12 (1911)
- Issue
- 11 (11.1911)
- Date
- 1911-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 11 217 ist beispielsweise ein Verdienst von Wassermann, die absolute Größe kriminalistischer Zahlen mit den Milieubedingungen in Beziehung gebracht und dadurch überhaupt erst einen meßbaren Vergleich zwischen Juden und Christen ermöglicht zu haben. Denn es ist doch in diesem Falle die selbstverständliche Tatsache in Rechnung zu setzen, daß die deutschen Juden als spezifische Handelsgruppe an speziell kaufmännischen Delikten (Konkurs, Betrug etc.) prozentual stärker beteiligt sein müssen. Sombart hätte diese Milieüverhältnisse beispielsweise bei seinen Zahlen über die Jüdische Bildungssucht unbedingt berücksichtigen müssen. Die Zahlen hätten dann einen weniger krassen und wissenschaftlich richtigeren Eindruck hervorgerufen. Sombart bringt leider kaum Vergleichszahlen aus verschiedenen Zeiten, was unbedingt notwendig ist. Ein Beispiel sei mir vergönnt. Durch Angabe der jetzigen Zahl der Mischehen ist keinesfalls dieses Phänomen statistisch genügend gewürdigt. Es könnte von jeher so gewesen sein. Die heutigen Zahlen werden beispielsweise schon in helleres Licht gerückt, wenn man die Volkszählungsergebnisse für Preußen von 1890 und 1905 (1910 ist mir in diesem Punkte noch nicht bekannt) miteinander vergleicht. In diesen 15 Jahren wächst die Zahl der Juden von 100 Proz. auf ziemlich genau 110 Proz., für die in Mischehe lebenden Juden errechne ich jedoch eine Steigerung von 100 Proz. auf über 185 Proz. Leider wird in der Verwendung statistischer Zahlen zur bildlichen Darstellung des Judenproblems von verschiedensten Seiten recht häufig wenig wissenschaftlich vorgegangen. Sombart verlas einige Seiten aus Lichtheims Broschüre. Er hätte überhaupt mehr vorlesen sollen: Ruppin, Theilhaber und andere. Der Vortrag wäre derselbe in seinem Inhalt geblieben. Man hätte die Quellen gekannt und hättS selbst das Problem weiter studieren können. Der Vortrag sei für uns der Anlaß, Ruppin „Die Juden der Gegenwart"*) zu kaufen und zu lesen. Es könnte zwar ein weitaus besseres Werk über diesen Gegenstand geben. Doch es gttft keins. Also leset Ruppin. Er ist lehrreich. Die turnerische Winterarbeit. Unsere Vereine rüsten für den Winter. Aeußere und innere Propaganda werden als vornehmste Arbeitsgebiete bereitet. Die neuen Männer, die zu Beginn jeden Winters für die zahlreichen Vereinsämter entdeckt zu werden pflegen, entwickeln ihre Ideen und ihren Eifer; nach mehr oder minder bewährtem Prinzip arbeiten die alten Kämpen. Bei uns werden die Kräfte schnell verbraucht, und unser Konsum in Vereinsbeamten wächst ständig. Gar bald tritt, wer sich voller Lust zur Betätigung meldete, ab. weil er raschen Erfolg erstrebte, mit dem die Werktagsarbeit des jüdischen Turnvereins kargt. Den besten organisatorischen und technischen Leistungen bleibt der Lohn versagt, weil zu wenig systematisch gearbeitet wird. Das gilt insbesondere für die turnerische Arbeit, die unter den Zufälligkeiten, unter denen wir zu leiden haben, oft zu kurz kommt. Mit einem fest umrissenen Programm muß der Turnwart vor den Verein treten. Er soll beharrlich •) Dr. Arthur Ruppin: „Die Juden der Oegenwart". 2. Auflage. 1911 Jüdischer Verlag, Berlin W., Sächsische Str. 8.