Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 12 (1911)
- Issue
- 10 (10.1911)
- Date
- 1911-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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193 hat. Ein solches Werk kann nicht mit einem Achselzucken abgetan werden, kann nicht etwa durch eine lobende Kritik oder gar durch eine wohlwollende Erwähnung der von dem Autor zur Aufstellung des umfangreichen Zahlenmaterials verwandten ehrlichen Fleißes erledigt werden. Hier heißt es — wenigstens für die, die es angeht, und das sind wir deutschen Juden — Stellung nehmen und die Nutzanwendung ziehen. Was ist nun der eigentliche Inhalt, welches das Resümee des Theilhaberschen Buches-? Nicht mehr und nicht weniger wird in knappen Umrissen dargelegt, als die Tatsache, daß die deutschen Juden auf dem Aussterbeetat stehen. Mischehen und Taufen zehren an ihrem Mark, ein Ueberschuß der Geburten über die Sterbefälle ist, teils auf Qrund des Zwei- und Einkindersystems des modernen deutschen Juden, teils wegen der zunehmenden Taufe der Kinder im zarten Lebensalter nicht oder kaum noch vorhanden. Die Stabilität der Anzahl der Juden in Deutschland ist nur eine scheinbare. Lediglich die starke und unausgesetzte Einwanderung östlicher Juden vermag die Ausfälle, die die oben erwähnten Umstände mit sich bringen, vorläufig noch zu paralysieren; das, was wir als deutsche Judenheit zu bezeichnen gewohnt sind, ist in einem rapide fortschreitenden Auflösungsprozeß begriffen. Hierzu kommt die Verschlechterung der Lebensbedingungen, die Erschwerung einer auch gesundheitlich angemessenen Lebensführung, die Veränderung der sozialen Struktur der deutschen Judenheit in den letzten hundert Jahren, die starke Abwanderung vom flachen Lande, von den kleinen Landstädten in die Großstädte, in denen einerseits der Existenzkampf ein aufreibenderer ist und andererseits das jüdische Milieu, das Familienleben, der religiöse Sinn, ungleich leichter erstickt wird und so die Juden ihrer letzten Schutzwehr im Kampfe gegen die innere Zersetzung ihres Volkslebens beraubt werden. — Alles dieses formuliert Theilhaber mit einer wissenschaftlichen Nüchternheit, die um so wohltuender empfunden wird, als es tatsächlich bei Behandlung der vitalen Fragen der deutschen Judenheit nichts Verkehrteres geben kann, als sich in.gut gemeinten, aber sicherlich fruchtlosen Sentimentalitäten zu erschöpfen. Theilhaber verausgabt sich nicht in wehleidigen Klagen um das Schicksal seiner Gemeinschaft, mit der ihn innigere Bande verknüpfen, als dem oberflächlichen Leser des „wissenschaftlichen Romans" scheinen mag, Er tritt an die aufgerollte Frage gewissermaßen als Arzt heran, der lediglich diagnostiziert und kurzerhand die zu beobachtenden Maßregeln angibt, nachdem er die Krankheitsgeschichte bis ins Detail verfolgt hat. — Und so ist es richtig. Wir brauchten eine solche kühle und leidenschaftslose Abhandlung über die Frage, die uns vor allem bewegen muß. Es war Zeit, daß die kritische Sonde angelegt wurde; daß ein Werk erschien, das weniger durch seine mehr oder minder geschickt verfochtene Tendenz, als durch das dargelegte unanfechtbare Tatsachenmaterial zum Nachdenken und zur Tat anspornte. Und von diesen Gesichtspunkten ausgehend werden wir es Theilhaber auch nicht verargen, wenn er sein Buch nicht in zuversichtliche Akkorde ausklingen läßt und die Gegenmaßregeln nicht bespricht, die wir, wie für alle leile der Judenheit, auch für die deutschen Juden als die einzig erstrebenswerten, die ihren Nieder- und Untergang noch aufhalten könnten, erachten. — Felix Theilhaber hat seine Pflicht getan — er hat sich innerhalb der selbst Kezeichneten Grenzen gehalten, lediglich eine Klärung der Tatsachen herbei-