Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 12 (1911)
- Issue
- 10 (10.1911)
- Date
- 1911-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 10 ihrer Ankündigung mit vollem Munde versprochen wurde. Auf der anderen Seite gibt es wieder Werke, die etwas abseits von dem regen Getriebe, wo man die Werbetrommel so erfolgreich zu rühren versteht, erscheinen und doch vielleicht ohne rote und gelbe Leibbinde das sind, was die anderen zu sein behaupten. Solche Bücher sind selten; sie müssen es sein, denn es gibt kaum etwas, was rarer wäre, als wertvolle neue Ideen oder auch nur die Fähigkeit, Altes in wirklich selbstverständlicher, schlichter und doch fesselnder Form zu bringen. Damit soll kein Urteil über die moderne Literatur abgegeben werden, vielmehr soll nur betont werden, wie unendlich schwer es ist, alte und doch ewig neue Probleme zu behandeln, ohne direkt oder indirekt als Plagiator dazustehen. Und über jede neue Idee, die wirklich einmal in die Massen geschleudert wird, fallen die Kommentatoren und die Exegeten, die Anhänger und die Widersacher sofort in dichten Haufen her, sie wird zerstückelt, zerstampft, umgedreht und gedeutelt, bewiesen und widerlegt, propagiert und mit Unflat bespritzt. So daß das neue Qewand gar bald nichts mehr ist als eine stark verbraucht und beschmutzte Hülle. Unsere moderne jüdische Literatur ist nicht allzureich an originellen und wertvollen Werken. Vielleicht darf man jedoch dem „nicht allzureich" noch das Wort „absolut" hinzusetzen, denn relativ dürfte doch wohl — und das ist sicher ein Erfolg der jung-jüdischen Bewegung — die Zahl der Werke, in denen neue oder auch alte Wahrheiten in neuer, eigener Form verkündet worden sind, eine zum Mindesten nicht geringere sein als unter den Qeistesschätzen der übrigen Nationen. Es sei nur an die stets in ihrer Art neuen und wertvollen Werke eines Mendelssohn, eines Moses Heß und eines Herzl erinnert. Maßgebend für den Wert des Buches, ganz objektiv genommen, ist ja nicht immer nur der Stil, in dem es abgefaßt, die mehr oder minder glückliche Form, in der die maßgebenden Gedanken widergegeben sind, sondern auch der Wille, der das Buch geboren hat, die mutige Konsequenz, welche die einmal entwickelten Gedanken auch auszudenken vermag. Und in dieser Beziehung kann man — so meine ich — das neueste Werk der modern jüdischen Literatur, Felix Theilhabers „Der Untergang der deutschen Juden"*) getrost einreihen in die Zahl der, ernst zu nehmenden, weil ernst gemeinten, und der wertvollen, weil aus besten Instinkten heraus entstandenen Bücher. Felix Theilhabers Werk gehört zu den Büchern, die sich neben warmen und dankbaren Freunden auch zahlreiche scharfe Gegner erwerben. Es ist freimütig geschrieben, mit einer zu radikalen Offenheit komponiert, als daß der kritische Leser nicht gezwungen wäre, entschieden pro oder contra Stellung zu nehmen. Theilhabers Werk, das der Verfasser selbst einen wissenschaftlichen Roman nennt, ist aber entschieden mehr Wissenschaft als Roman» mehr statistisches Material, mehr objektives Folgern aus unausfechtbaren und feststehenden Tatsachen, als Aufstellung von subjektiven oder gar tendenziösen Thesen. Man empfindet deutlich, wie der Verfasser zuerst vielleicht nur kritisch interessiert an die Sichtung des umfangreichen Materials herangetreten ist, dann, als die Sprache der hohen Ziffern ihn wahrhaft fesselte, sich tiefer und tiefer in die Materie hineingearbeitet hat und zum SchluJ» erschüttert von den Ergebnissen seiner wissenschaftlichen Wanderung durc die jüngste Geschichte des Deutschen Reiches die Feder aus der Hand «eleg •) Dr. Felix A. Theilhaber: „Der Untergang der deutschen Juden", München, Ernst Reinhardt, 2,50 M.