Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 12 (1911)
- Issue
- 10 (10.1911)
- Date
- 1911-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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100 No. 10 Die Zeit ist allen Hygienefragen nicht ungünstig und wenn auch nicht alle, welche der jüdischen Hygiene-Ausstellung zujubelten, eine jüdische Hygienebewegung anerkennen wollen, so ist doch das Verständnis für die jüdische Eugenik (Stammesdienst) gestiegen. Es kann keine Frage sein, daß das heutige ökonomische, ethische und lokale Milieu der körperlichen Entwicklung der westeuropäischen Juden Abbruch tut. Ebenso kann keine Frage sein, daß die Orthodoxie und die in der Religion konservierte Hygiene im Westen die Herrschaft über die breiten Massen verloren hat, wobei ich nicht mehr näher auf die völlige Unfähigkeit der Orthodoxen in allen völkischen Dingen eingehe, wie sie sich in der Depravierung der Chalukajudcn gibt. Ich mußte in zwei soeben erschienenen Werken nachweisen, daß die westeuropäischen Juden ihrem Untergang entgegengehen*). Ich mußte die Tatsache registrieren, daß die Lebensdauer und die Qesundheit der erwachsenen Juden sinkt. Ich kann natürlich nicht auf die 200 Seiten füllenden Aus-, führungen hier näher eingehen, zumal jede Wiederholung nur langweilig ist und der Interessent ja doch die Quelle zur Lektüre heranziehen wird. Es gibt nun in der Natur eine Erscheinung, die alle Aerzte kennen: Menschen, welche von einer sehr schweren und allmählich zum Tode führenden Krankheit befallen sind, z. B. von der Tuberkulose, lehnen es ab, sich behandeln zu lassen, weil sie sich in einer gehobenen Stimmung (Euphorie) befinden und ihren Zustand maßlos überschätzen oder nicht erkennen. Auch die Völker haben selten erkannt, wie es mit ihrem Wohle steht, und so sind alte Kulturstaaten zugrunde gegangen, weil ihre Führer die Oefahr verkannten. Ich habe auch bei uns die Erfahrung gemacht, daß fast nur die Renegaten die bedrohliche Lage der westlichen Juden erkennen. Aber gerade diese scheiden eben durch die Taufe aus und wirken nicht durch ihre Zweifel an der Fortexistenz der Judenheit als Gegengewicht zu den immer Zufriedenen, zu den stets Hoffenden. Nichts liegt mir ferner, als getane Arbeit zu unterschätzen und ich freue mich, daß ich in einer Zeit lebe, wo es genug Ansätze zu einer Entwicklung der deutschen Judenheit gibt. Aber die körperliche Renaissancebewegung (Tui nerschaft) ist noch jung und schwach. Und die übrigen Dokumente des instinktiven Verstehen» sind so planlos angelegt, daß sie nicht harmonisch wirken. Da gibt es tausend Gründungen, die meist fast nur lokaler Natur sind und die alle die körperliche Hebung der Judenheit im Auge haben, die aber nur immer einem Dutzend Personen zugute kommen und die auch nicht im Jüdischen Volkssinne geleitet sind: All die Kindererholungshelme Ferienkolonien, Seesanatorien, Blinden- und Taubstummen-Institute, Krankenhäuser, Krankenkassen, Krankenunterstützungsvereine. Die Organisationen für die körperliche Ausbildung der Juden als Ackerbauer, Dienstboten, Handwerker. Aber alle diese Hilfsmittel werden nur dann und dort angewendet, wenn die Notlage der Juden zu schreiend wird. Wie die frühere Wohltätigkeit im allgemeinen, so wird auch dieser Zweig gehandhabt. Kam irgend ein Armer *) „Der Untergang der deutschen Juden" von Dr. Felix Theilhaber, München, Reinhardts Verlag 1911, und „Hygiene der Juden", Sterblichkeit der Juden und die Hygiene. Verlag von Singer, Dresden 1911.