Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 12 (1911)
- Issue
- 10 (10.1911)
- Date
- 1911-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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189 die Degeneration der Chalukaner will, als daß sie mit den bösen Zionisten zusammen eine volkstümliche Erstarkung der palästinensischen Judenheit hervorbrächte. Man wird vielleicht entgegnen, daß die 60 000 Chalukajuden unter dem Protektorate der Orthodoxie aller Länder tatsächlich vom Ungeziefer aufgefressen werden, daß aber die national-Jüdische Bewegung nicht besser für die Hygiene sorgen wird. Ich möchte dem entgegenhalten, daß eine solche Annahme unrichtig wäre. Wer die nationale palästinensische Bewegung kennen gelernt hat, weiß, wie sehr gerade rein physisch das zionistische Element erstarkt, weiß, welcher Wert auf die körperliche Betätigung und Ausbildung von unserer Seite gelegt wird. Ich möchte auch hier einschieben, daß ich z. B. mich mit Freude noch der Bäder erinnere, die ich nach meiner Tätigkeit als Arbeiter in den Weinbergen der kleinen Kolonie Katra in dem dortigen hübschen Brausebad nahm. Es ist symptomatisch, daß das große Jerusalem Jahrzehnte lang nach den kleinen Kolonien erst zu einer Badegelegenheit gelangt. Nun könnte man mir zum Vorwurf machen, daß ich die Badefrage etwas ausgesponnen habe. Aber ich glaube an einem Beispiel gezeigt zu haben, daß die jüdische Volkshygiene gerade dort, wo der Staat sich weniger um das öffentliche Wohl kümmert, alle möglichen Bedürfnisse zeitigt. Im Osten und im Orient ganz besonders muß die jüdische Volkshygiene ihre berufenen Freunde und Vertreter besitzen. Hier sind die Forderungen nicht das Turnen allein, und im Westen gibt es auch Fragen, die meines Erachtens in gleicher Linie ihrer Wichtigkeit nach mit dem Turnen rangieren. Man wende mir nicht ein, daß sich das Oute allein Bahn bricht. Ich müßte sonst noch eine Menge von Beispielen anführen, wie schwer die lapidarsten Forderungen der Hygiene in der Praxis zum Recht gelangen und wieviel noch zu tun ist. Für Palästina bedarf es keiner eigenen Bewegung zur Begründung billiger Volksbäder, keiner eigenen Schwimmvereine, wenn die Turnerschaft dort existiert und ihren Horizont nicht zu beschränkt nimmt, in Europa gebrauchen wir keine eigenen Abstinenzvereine, Vegetarier-Organisationen, wenn nur unsere Organisation allen Diätetikfragen, welche das körperliche Wohl des Volkes mächtig integrieren, ein bedeutsames Augenmerk zuwendet. Wir können uns nicht wie das deutsche Volk den Luxus hundertfacher Organisationen gestatten, die unter den Massen zum Outen wirken. Wir haben nur eine wahre Bewegung, welche ernstlich däs körperliche Wohl des Volkes interessiert. Wie wenig selbst die religiösen Verbände Sinn und Verständnis für die körperliche Renaissance haben, dafür zeugt nicht etwa nur das kleine, oben erwähnte unangenehme Manko einer Mikweh, die, weil sie ein religiöses Oebot fordert, noch nach Jerusalem kommen wird (ob auch in die anderen Chaluka-Städte??), sondern vor allem die Lebensweise aller jüdischen Massen, die von den heutigen Orthodoxen geführt werden. Jede körperliche Betätigung Ist streng in den Jeschiboth, in den Chedarim vermieden, der Sinn für Körperkultur in diesen Kreisen eine unbekannte Qröße. Die jüdische Turnbewegung steht da vor einer reichen Aufgabe, und ich glaube, daß sie gerade in dem Augenblick im Osten einen ungeheuren Aufschwung nehmen wird und nehmen muß, wo sie sichres allgemeinen körperlichen Volkswohls im weitesten Sinne annimmt.