Mannheim
Compact Memory

Jüdische Turnzeitung · 1911-08-01 · 8/9 (8.1911) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
12 (1911)
Issue
8/9 (8.1911)
Date
1911-08-01
Page
[Seite] (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/4921092-5965121-5965328--3072-4925867
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

168 No. 8/9 4 Unsere Verbandsturnfahrt nach Thüringen. Eigentlich war es keine Verbandsturnfahrt, vielmehr eine Turnfahrt unserer beiden Berliner Verbandsvereine, die nur durch die Teilnahme eines Mitglieds des Hamburger Brudervereins etwas von der Qroß-Berliner Couleur verlor. Die Tatsache, daß die anderen Vereine so wenig Interesse für diese Veranstaltung der Turnerschaft zeigten, ist außerordentlich zu bedauern. Mag der eine oder andere Verein aus triftigen Gründen nicht imstande gewesen sein, sich mit einer größeren Mitgliederzahl zu beteiligen, zum wenigsten hätten doch einige Mitglieder aus Jedem Verein, vor allem die Vorstandsbeamten, sich zu der Turnfahrt einfinden können. Das gilt natürlich vor allem für die in Deutschland belegenen Vereine, die anderen Vereine konnten mit Recht die große Entfernung als Entschuldigung anführen. Wenn die Verbandsleitung sich in Zukunft schwerer zu derartigen Unternehmungen entschließen sollte, wird man ihr füglich keinen Vorwurf machen können. — Die Turnfahrt selbst verlief so harmonisch, daß wohl alle Teilnehmer die Tage in Thüringen in ihrer Erinnerung bewahren. Ilmenau bildete den Ausgangspunkt der Tour. Von hier ging es auf herrlichen Wegen nach dem Kickelhahn über das Jagdhaus Qabelbach, dann nach dem Qoethehäuschen, einer roh zusammengezimmerten Bretterbude, die recht wenig zu dem poetischen „Ueber allen Wipfeln ist Ruh" zu passen schien, und hinab nach Manebach, das mit seinen über und über mit Schieferplatten bekleideten Häusern einen gar freundlichen, aber eigenartigen Eindruck auf uns machte. Unsere Lieder fanden vom Tale her ein merkwürdiges Echo: mehrfache laute „Hedads" brachten uns mit unserem lieben Turngenossen Max Lewin-Hamburg, der uns in Ilmenau verfehlt hatte, zusammen. Die praktische Bedeutung unseres gemeinsamen Turnerrufs lernten wir so von einer neuen Seite kennen. Nach mehrstündigem. Marsche erreichten wir die Schmücke, unser erstes Quartier, fast 1000 m über dem Meeresspiegel. Das Hochzeitstelegramm, das wir von hier, in später Abendstunde, mit Hilfe eines freundlichen Automobilbesitzers unserem lieben Brautpaar Bialler-Silberberg nach Berlin sandten, brachte unsere Gedanken wieder mit der Heimat in Verbindung. Der nächste Morgen sah uns schon früh wach, und als wir „im Mund ein frohes Lied" loszogen, mochten wohl viele der Schmücke-Gäste, die wir in ihrem festen Morgenschlaf gestört, uns einen kräftigen Fluch nachsenden, im Stillen aber uns um unsere Wanderfreudigkeit beneiden. Der Marsch nach dem Stutenhaus war eine prächtige Höhenwanderung, die uns zuerst ein Stück auf der berühmten alten Thüringer Straße, dein Rennsteig, entlang führte. Als wir dann ins tiefe, schattige Vessertal hinabstiegen, hätten wir am liebsten hier für lange Stunden gerastet, so sehr gefiel es uns unter den grünen Laubgängen. Die Kenner märkischer Landschaft waren freudig überrascht, eine auffallende Aehnlichkeit mit den Tälern des märkischen Waldgebietes „Der Blumental" zu entdecken. Die unumstößlich feststehende Abfahrtszeit unseres Eisenbahnzuges zwang uns zum Geschwindschritt, und wer dann auf der Bahn sich nolens volens in ein kleines Schläfchen hineinschlief, mochte im Traume wohl noch immer sich im schluchtenreichen Vessertal befinden. In wenigen Stunden waren wir in Herzes-Vogtei, von wo es ins felsbekränzte Trusental ging. In früher Abendstunde machten wir in Brotterode, unserem zweiten Nachtquartier, Halt. Diesen Abend benutzten einige Unverwüstliche zu einem harmlos-vergnügten Bummel durch dies freundliche Städtchen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.