Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 12 (1911)
- Issue
- 8/9 (8.1911)
- Date
- 1911-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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166 No. 8/9 vor Herzl „Respekt" hatten und seine Autorität rückhaltlos anerkannten: weil er wahrhaft einer war. Jahrtausende hatte unser Volk Respekt vor seinen Rabbinern und Talmudisten: weil es geistige Werte anerkennt. Noch heute schauen Hunderttausende Chassidim mit tiefem Respekt auf ihre Zadikim: weil sie ihren höheren menschlichen Rang ahnen. Aber der Schnorrer hat keinen besonderen Respekt vor einem Rothschild, wenn dieser Rothschild seine Millionen ererbf hat oder bezahlte Hirne sie für ihn gesammelt haben und er persönlich ein Trottel ist. Es ist der Sinn für das Reale, der Juden und — Amerikanern eigen ist. Uebrigens auf diesem Gebiete eine kleine Reminiszenz: Vor Jahren hatte ich (ein gottbegnadeter Schnorrer) eine harte Auseinandersetzung mit H. J. Schiff, dem Multimillionär von Newyork. Ich habe seinerzeit das Wesentliche publiziert. Hier will ich bloß bemerken, daß ich vor diesem kleinen, etwas schwerhörigen Mann einen tiefen Respekt empfunden, den ich mir mein Leben lang behalten werde. Warum? Dachte ich (in meinem verschlissenen Arbeitsrock, der Mme. Schiff wenig zusagte) an seine Millionen? Keine Spur. Aber es war seine hohe Intelligenz, sein tiefsittlicher Emst und seine grenzenlose Liebe zu unserem Volke, die mich fesselten. Ich hatte die unbezwingbare Vorstellung, daß dieser Jakob Schiff irgendwie mit dem Qaon von Wilna geistig verwandt ist. Und da muß man Respekt haben. Ihr lacht, meine liebwerten Freunde, über unsern Juden, der in der Eisenbahn seine Stiefel auf die gegenüberliegende Bank legt, sie beim Eintritt eines neuen Gastes zurückzieht, sie aber sofort in die frühere Lage bringt, sobald es sich herausstellt, daß der neue Gast auch „n u r" Jude ist. Es ist Rasse in diesem Juden! Er ist mitten in fremden Landen noch Beduine geblieben: und der Beduine liebt es, anders als der Europäer zu sitzen. Und es ist auch bitteres Qaluth in diesem Juden: er erschrickt vor dem Nichtjuden und macht ihm unnötige, knechtische Konzessionen. Unser menschliches Manko ist: daß wir ein fremder, verirrter Stamm sind und wir unseren Mund verloren haben. Weil die deutsche Sprache eine höchst verlogene und lächerliche Anrede mit „Sie" ersonnen hat, dürfen wir auch in Gedanken nicht „Du" mit einander reden. Die hebräische Sprache kennt nicht das „Du". Wir sind auch mit unserem gestrengen Gott per „Du". Auch der deutsche Bauer hat sich sein „Du" bewahrt. Uebrigens hat vor Jahren Bodelschwingh im preußischen Landtag anläßlich der Kanaldebatte eine herrliche „Du-Rede" gehalten: die schönste vielleicht, die in jenem Hause in den letzten Jahren gehalten wurde. Weil die preußische Gesellschaft steif und zugeknöpft ist, darum muß rasch auch die jüdische Gesellschaft steif und zugeknöpft sein! Das sind so einige Momente in den „Jüdischen Erziehungsproblemen", die mich nachdenklich stimmten. J. Feldmann -Radler, Jaffa (Palästina). Von der Georg Arndt-Stiftung. Aus mehreren Gründen ist es jetzt gerade geboten, über unsere nunmehr fast zwei Jahre bestehende Georg Arndt-Stiftung zu berichten. Nicht, daß dieser Bericht einen Rechenschaftsbericht darstellen soll. Einen solchen werden die Stifter und mit ihnen die am meisten interessierte Jüdische